Freitag, 29. Juli 2016

Online Diskussionen #MuslimProblems

Mein Hauptanliegen mit diesem Blog ist es, wichtige Themen anzusprechen, bei denen die Muslime in der heutigen Zeit oft einen Mangel an ethischen Kenntnissen zeigen. Sie wissen also nicht, wie man sich zu benehmen hat, wobei doch die Regeln rund um das richtige Benehmen einen der wichtigsten Faktoren innerhalb der Repräsentation der Religion und der Einladung zu ihr darstellen.

Eines dieser Felder, in denen Muslime wirklich abgrundtief schlechte Züge zeigen können, ist das Feld der Online-Diskussionen. Die Muslime, zu denen der Allumfassende (Al-Wāsiʿ) folgendes in seinem Buche sprach:
"Rufe zum Weg deines Herren auf, mit Weisheit und schöner Ermahnung - und streite mit ihnen auf die beste Art. Dein Herr weiß gewiss, wer von seinem Wege abgeirrt ist und er weiß wohl, wer die Rechtgeleiteten sind." (Sūrah An-Naḥl - Vers 125)

Genau die Menge, zu denen dieser Vers spricht, verhält sich manchmal so unschön, dass man seine Verwunderung nicht in Worte fassen kann.

Folgende Verhaltensweisen und Probleme zeigen sich sehr häufig:

Problem #1 : Diskretion & Anonymität

Der erste Faktor ist die Diskretion. Das bedeutet, dass man einen gewissen Abstand zu den anderen hat. Man kann tun und sagen, was man will, ohne irgendwelche Konsequenzen zu fürchten. Dies führt dazu, dass man die schlimmsten Aussagen und Beleidigungen nutzen kann, ohne spüren zu müssen, dass der andere einem ins Gesicht schaut und ohne, dass man dem anderen dabei ins Gesicht schauen muss.

So wie Allāh im Qurʾān über die Heuchler sagt:

"Sie würden euch nicht bekämpfen - nicht einmal alle zusammen -, außer in befestigten Städten oder hinter Mauern." (Sūrah al-Ḥašr - Vers 14)

Diese Eigenschaft der Hinterhältigkeit kommt denjenigen zu, die unaufrichtig sind. Normalerweise. Doch heutzutage erleben wir, dass auch viele Muslime sich hinter den "Mauern" der Online-Welt besonders groß fühlen und sich zu Sachen trauen, deren Konsequenzen sie nicht berücksichtigen. Der Grund wieso es überhaupt dazu kommt, führt uns zum nächsten Problem.

Problem #2 : Unwissenheit und Überheblichkeit

Das Problem mit der Unwissenheit ist, dass sie wie ein Gift ist. Je unwissender man ist, umso mehr wirkt sie als Nährboden für Untugenden. Man muss sich nämlich vorstellen, wie das Wissen überhaupt auf einen Unwissenden wirkt. Wenn man keine Ahnung hat und man plötzlich etwas lernt, dann ist das sehr viel im Gegensatz zu dem, was man vorher wusste. Man fühlt sich nun sehr besonders, weil man das Gefühl hat, sehr viel gelernt zu haben. Hierbei entsteht das Problem aber nur deshalb, weil man seinen neuen Wissenstand mit dem vorherigen vergleicht. Dabei muss man sein Wissen mit dem abwägen, was man noch nicht weiß. Das führt aber logischerweise dazu, dass man einsehen muss, dass man noch sehr sehr unwissend ist und hier meldet sich dann das Ego und möchte dieses Minderwertigkeitsgefühl nicht akzeptieren.

Wer es also nicht schafft, bescheiden zu akzeptieren, dass er noch eine Menge nicht weiß und daher lieber schweigen sollte, fängt stattdessen an, überheblich zu werden und Freunde und Bekannte auf aaallll ihre Falschheiten und Irrlehren aufmerksam zu machen. Plötzlich ist die gesamte Welt voller falschen Erneuerungen (Bidaʿ) und nur man selbst hat den perfekten Lebensstil nach Qurʾān und Ahlu Sunnah wal-Ǧamāʿah. Später heißt es dann immer so ganz lässig "Ich bete nicht in dieser und jener Moschee, weil die sind nicht von Ahlu Sunnah" als ob das irgend eine Gang wäre, die mit allen anderen Gangs verfeindet ist.

Und dieses coole Ahlu-Sunnah Label nutzt man dann auch im Internet, um die ganzen bösen Sekten zu widerlegen. YouTube Kanäle, Facebook Seiten und viele weitere kreative Mittel werden eingesetzt, um Widerlegungen am Band rauszuhauen. 

Und wenn es dann zu Diskussionen kommt, fängt es immer damit an, dass beide Seiten lange und zahlreiche Zitate von Gelehrten hin und her copy&pasten und wenn beide Seiten dann die jeweils andere Seite nicht einsehen und akzeptieren wollen, kommen die Beleidigungen die meistens immer mit dem Präfix "dreckig" anfangen, wie "du dreckiger mubtadiʿ" usw. bis es so schlimm wird, dass es gar nicht mehr um die islamischen Themen geht, sondern man nun anfängt, die Personen oder sogar die Gelehrten zu schmähen, die für eine Position stehen.

Am Ende wird die Rage dann mit einem bösen Bittgebet beendet und man geht auseinander. Wer gewinnt? Genau! Der Teufel. Der sitzt nämlich schon die ganze Zeit dabei und isst gemütlich sein Popcorn und erfreut sich an den Sünden, die beide Seiten dabei begehen.

Problem #3 : Fatāwa

Es gibt ein exklusives Problem bei uns in Deutschland und zwar, dass nur bestimmte Rechtsgutachten (Fatāwa) übersetzt werden. Je nachdem, wer die meiste Arbeit in der Übersetzung betreibt, kann somit der gesamten muslimischen Community, welche nicht der arabischen Sprache mächtig ist, ein Schwerpunkt vermitteln, der vielleicht bei den jeweiligen Gelehrten gar nicht der Fall ist.

Es werden Fiqh Meinungen übersetzt und so dargestellt, dass es nur eine Meinung oder eine deutlich starke Meinung gibt und alle anderen Meinungen schwach seien oder es wird von einem Gelehrten nur zur einer Thematik etwas übersetzt, so dass dieser Gelehrte für die deutsche Community so wirkt, als ob er in eine gewisse Richtung geneigt sei usw.

Dies führt zur Polarisation und zur Verschleierung der Realität. Es werden gewisse Schwerpunkte gesetzt und gewisse Neigungen erzeugt, wodurch sich solche Spannungen unter den Muslimen provozieren lassen können. Die Unwissenheit über die möglichen Meinungsverschiedenheiten führt dazu, dass man halt sehr lange davon ausgeht, dass es nur eine Meinung zu einer Sache gäbe und wenn dann einer kommt und das Gegenteil behauptet, entsteht Streit, weil Veränderung das Letzte ist, was der Mensch leiden kann. Wir sind "Gewohnheitstiere" und wenn wir eine Sache eine lange Zeit so annehmen, dann ist das nicht leicht, dass wir uns einfach mal davon loslösen.

Wir müssen also genau deswegen immer in Betracht ziehen, dass zu den übersetzten Themen noch eine Menge hinzukommen könnte und man noch einiges dazu lernen kann. Meinungsverschiedenheiten enstehen nicht einfach so und wenn die Wahrheit immer so klar wäre, würden sie nicht entstehen. Man muss aus diesen Fakten heraus für sich erkennen, dass die Gelehrten schon bescheid wissen, bevor sie Urteile geben und dass somit jeder Gelehrte für seinen Standpunkt auch sicher eine Erklärung hat. Gelehrte sind keine Otonormalmuslime wie du und ich, die man darauf aufmerksam machen müsste, dass dort noch ein anderer Ḥadīṯ vorkommt, der etwas anderes sagt. Sie wissen in der Regel über alle textuellen Grundlagen bescheid und haben schon den Überblick, den wir meistens nicht haben. 

Wir sollten also mindestens tausendmal ins Unendliche überlegen, ob wir einem Gelehrten Unwissenheit vorwerfen wollen.

Problem #4 : Literatur-Mangel zu Adab und Aḫlāq

Auch hier ist das Problem, dass wir zu wenig Zugänge in deutscher Sprache haben. Die meisten Unterrichte zum guten Benehmen und zu islamischen Charaktereigenschaften finden sich in anderen Sprachen. Es gibt viele englische Vorträge über dieses Themengebiet. Aber entweder verstehen manche kein Englisch oder man hat keine Lust, sich 60 Minuten über gutes Verhalten vollquatschen zu lassen. Stattdessen guckt man 60 Minuten Widerlegungsvideos - ist ja auch viel spannender mit den ganzen Special Effects.

Und zum Thema Bücher will ich gar nicht erst kommen. Ich denke in einem der früheren Artikel habe ich genug deutlich gemacht, dass wir eine starke Bücher-Allergie haben und dies mag einer der größten Ursachen für unsere Unwissenheit sein.

Wir müssen uns bemühen, die guten Verhaltensregeln zu erlernen und zu verbreiten. Denn diese sind wichtiger, als die meisten glauben. Mit dem guten Verhalten beginnen die Blüten der Daʿwah. Mit dem guten Verhalten werden die Herzen erobert und Liebe erzeugt.

Unser Herr hat sich nicht umsonst Al-Ḥalīm genannt. Er ist der Weichmütige, derjenige, der im Verhalten zu seinen Dienern die größte Sanftheit und das größte Verständnis zeigt. Wir lieben doch diejenigen, die uns ihre Zuneigung und ihr Verständnis zeigen. Deshalb lieben wir unseren Herrn und wenn wir diese Weichmütigkeit anstreben, werden uns auch die Menschen lieben und somit einen guten Eindruck vom Islam bekommen.

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