Freitag, 30. März 2018

Einführung in die Lehre über den Nafs

Dies ist eine schriftliche Zusammenfassung einer Einführung zu einer Vortragsreihe über das Thema Nafs.
(Link zum Vortrag: https://youtu.be/aT3-6d_6hF )

Der große Asket Yaḥyā ibn Muʿāḏ (gest. 258 n.H.) sagte etwas, was oft fälschlicherweise dem Propheten zugeschrieben wird, und zwar: "Wer sein Nafs erkannt hat, der hat seinen Herrn erkannt."
Was ist also dieser Nafs? Und warum führt die Erkenntnis seiner zu der Erkenntnis unseres Herrn?

Zuallererst muss geklärt werden, was der Nafs überhaupt ist und was er bedeutet. Dafür nehmen wir zuerst zwei sprachliche Definitionen. Die erste stammt von dem großen Sprachwissenschaftler Ibn Manẓūr (gest. 711 n.H.), der Verfasser des Lisān al-ʿArab, eines der größten und bedeutsamsten Lexiken der arabischen Sprache. Er sagt, dass Nafs zwei Bedeutungen hat. Es ist erstens die Seele und zweitens die Essenz oder Gesamtheit einer Sache. Eine weitere sprachliche Definition entnehmen wir von dem hanbalitischen Universalgelehrten Abū al-Faraǧ ibn al-Ǧawzī (gest. 597 n.H.), der in seinem Werk Madāriǧ as-Sālikīn sagte, dass Nafs erstens die Gesamtheit der Emotionen und Triebe bedeuten kann oder das Bewusstsein des Menschen über sich selbst.

Danach folgt die Darstellung des Nafs im Qurʾān. Allāh, Erhaben ist Er, beschreibt den Nafs in mehreren Eigenschaften:

1. „Wahrlich, der Nafs befiehlt ständig das Schlechte.“ (Sūrah Yūsuf - Vers 53)
An-Nafs al-Ammāra = der Nafs, der ständig befiehlt

2. „Aber nein, ich schwöre bei dem sich selbst tadelnden Nafs.“ (Sūrah al-Qiyāma - Vers 2)
→  An-Nafs al-Lawwāma = der Nafs, der tadelt

3. „O du beruhigter Nafs, kehre zurück zu deinem Herrn – (während du) zufrieden bist und man mit dir zufrieden ist.“ (Sūrah al-Faǧr - Verse 27-28)
An-Nafs al-Muṭmaʾinna = der beruhigte Nafs
An-Nafs ar-Rāḍiya = der zufriedene Nafs
An-Nafs al-Marḍiyya = der Nafs, mit dem man zufrieden ist

Es ist also aus dem Qurʾān zu entnehmen, dass der Nafs Stufen hat und quasi qualitativ aufsteigen kann, von einer schlechten Art und Weise zu einer geläuterten und gereinigten Art. Es ist aber auch zu erkennen, dass der Nafs nichts anderes ist, als der Mensch in seinem inneren Wesen und seinem Selbstbewusstsein.

Hiernach nehmen wir die Strukturierung des shafiitischen Gelehrten Abu Ṭālib al-Makkī (gest. 386 n.H.), welcher ein Gesamtwerk über das Herz schrieb und sehr feine Aufteilungen und Strukturen aufstellte, um das Thema zu systematisieren.

Zuerst sagt er, dass der Nafs vier Wesenseigenschaften besitze:

1. Schwäche (aḍ-Ḍaʿf)
Und der Mensch wurde schwach erschaffen.“ (Sūrah an-Nisāʾ - Vers 28)
Der Mensch ist sehr schwach und bedürftig. Er benötigt Essen, Trinken, Schlaf, Versorgung, Medizin, emotionale Fürsorge uvm. Er kann schwer alleine durch die Welt ziehen und bedarf der Gemeinschaft und der Unterstützung.

2. Geiz (al-Buḫl)
Unter euch sind solche, die geizen. Wer geizt, der geizt nur seinem Nafs gegenüber.“ (Sūrah Muḥammad - Vers 38)
Der Mensch ist ständig besorgt um seine Existenz und möchte Vorkehrungen schaffen und Geld und Vermögen ansparen und ist daher oft seinem Besitz gegenüber anfällig, weil es sein Überleben suggeriert.

3. Gelüst (aš-Šahwa)
Verziert wurde dem Menschen die Liebe an der Lust nach Frauen und Kindern und gehäuften Mengen von Gold und Silber und Zuchtpferden und Vieh und Saatfeldern; doch bei Allāh ist die schönste Heimkehr.“ (Sūrah Āli ʿImrān - Vers 14)
Der Mensch begehrt die weltlichen Dinge. Aš-Šahwa wird oft für die sexuellen Gelüste verwendet, geht aber darüber hinaus. Es geht darum, dass der Mensch gierig und lüstern nach Dingen trachtet. Damit ist gemeint, dass er (wie bei den sexuellen Gelüsten) überrumpelt wird von einem Antrieb, Dinge zu tun und das kann auf das Begehren nach allen möglichen Dingen übertragen werden.

4. Ignoranz (al-Ǧahl)
Er (der Mensch) ist sehr ungerecht und ignorant.“ (Sūrah al-Aḥzāb - Vers 72)
Der Mensch weiß sehr wenig und egal wie viel Mühe er sich macht, wird er nur einige Schwerpunkte setzen können und in diesen Bereichen niemals die Perfektion erlangen. Egal wie viel der Mensch lernt, wird es verglichen zu dem, was er nicht weiß, so wie ein Staubkorn neben dem ganzen Universum sein.

Aus diesen vier Wesenseigenschaften sagt der Gelehrte im Resultat, dass sich diese in zwei Wesenszüge zusammenfassen lassen können: 
1. Unausgeglichenheit / Maßlosigkeit
2. Drang, eigene Wünsche oder Neigungen zu erfüllen

Anschließend beschreibt er, ähnlich wie Imām al-Ġazālī (gest. 505 n.H.), der auch deutlich von al-Makkī inspiriert wurde, dass der Mensch vier Naturen besitze:

1. Herrschaftsnatur
Darunter fallen Eigenschaften wie Hochmut (Kibr), Eitelkeit (ʿUǧb), Freude an der Macht und dem Respekt der Leute usw.

2. Teuflische Natur
Darunter fallen Eigenschaften wie die Hinterlistigkeit, Betrug, Neid (Ḥasad), Unehrlicheit usw.

3. Tierische Natur
Darunter fallen Handlungen wie das Essen, Trinken und die Fortplanzung

4. Natur des Dieners
Darunter fallen die Eigenschaften wie Gottesfurcht (Taqwā), Bescheidenheit (Tawāduʿ), Demut (Ḫušūʿ) usw.

Zu erkennen ist hierbei, dass die ersten drei Naturen für das Diesseits funktionieren. Sie sind Funktionen des Erhaltes der Menschheit. Die Herrschaftsnatur wird benötigt, weil es immer jemanden geben muss, der die Menschen leitet oder über sie herrscht. Die teuflische Natur ist der kreative Teil des Menschen, der Pläne schmieden kann, Fortschritte und wirtschaftliche Entwicklungen planen kann. Die tierische Natur kümmert sich um den biologischen Erhalt des Menschen. Nur die Natur des Dieners ist dafür da, dem Menschen nach seinem Tod im Jenseits ein schönes Dasein zu ermöglichen.

Es ist also anzunehmen, dass man die Funktionalitäten dieser Naturen für das Leben benutzen kann, aber diese nicht zu einem Schwerpunkt machen sollte. Anhand der Eigenschaften, die darunter erwähnt wurden, sieht man, dass die Naturen selbst, wenn sie maßlos ausgelebt werden, viele schlechte Dinge beinhalten. Nur als Werkzeuge zum Erhalt der Gesellschaften sind sie nützlich einzusetzen. Darüber hinaus haben sie nur Schaden an sich. Deswegen sollte der Mensch sich darum kümmern, die Stabilität, den Frieden und eine gute Umgebung zu erlangen, nur um sich auf die vierte Natur zu konzentrieren und für das Jenseits vorzusorgen.

Hier liegt die Antwort, die wir suchen. Wenn der Mensch sein Nafs erkennt und begreift, wie bedürftig, abhängig, schwach und maßlos es sein kann, wird er begreifen, dass er auf dieser Erde niemals ewig bestehen kann und dass er irgendwann hierher kam und wieder vergehen wird. Diese Realität wird ihm bewusst machen, dass er keine Macht oder Kraft hat, und das all dies in der Hand eines Schöpfers liegen muss, der die Quelle alles Seienden ist. Diesen Eindruck muss der Diener nun verdeutlichen. Dafür muss er sein Nafs läutern und kann dadurch die Nähe Allāhs erlangen und somit in der Erkenntnis Seiner zunehmen.

Um den Nafs zu läutern haben viele Gelehrte Werke und Methoden dargelegt, mit denen man systematisch arbeiten kann. Einer dieser Gelehrten war der zuvor erwähnte Abū al-Faraǧ ibn al-Ǧawzī, der in seinem Werk Madāriǧ as-Sālikīn eine sechsstufige Anleitung verfasste, die man als eine Orientierung nutzen kann. Diese Methoden sind pädagogische Mittel, die nicht verbindlich sind und auch nicht als solche verstanden werden sollen. Daher variieren die Methoden auch sehr und sind nur als Inspiration und Reiz anzusehen.

Erster Schritt: Vereinbarung und Verhandlung mit dem Nafs

Der Diener muss seinem Nafs bewusst machen, dass er nicht nur nach den weltlichen Gelüsten und Freuden streben darf. Der Nafs kennt nämlich keine Moral. Er weiß nicht, was gut und schlecht ist, sondern möchte einfach nur bestehen und das für ihn Erfreuliche erlangen. Daher wirkt er auch sehr unmittelbar. Das Jenseits ist aber ein langfristiges Ziel und bedarf daher einen langen Atem. Dies muss man seinem Nafs einreden, indem man es immer wieder daran erinnert, dass man gemeinsam daran arbeiten muss, für das Jenseits vorzusorgen. Um die Nuancen des Nafs zu begreifen, muss man sich selbst untersuchen. Die eigenen Schwächen, Bedürfnisse und Neigungen begreifen und dann entsprechend dieser Selbsterkenntnis dann mit sich umgehen.

Zweiter Schritt: Kontrolle und Überwachung des Nafs (al-Murāqaba)

Al-Murāqaba ist in der Sunnah des Propheten eigentlich das Bewustssein darüber, dass Allāh über einen wacht. Jedoch geht man hierbei einen Schritt weiter, und wacht selber über sein Nafs. So macht man sein Nafs darüber bewusst, dass Allāh über ihn wacht, damit man stets das Gefühl von Überwachung hat und sich dadurch vom Schlechten abhalten kann.


Dritter Schritt: Den Nafs zur Rechenschaft ziehen (al-Muḥāsaba)

Der Diener muss seine Taten reflektieren. Er sollte seine Fehler und Mängel erkennen und sich darüber im Klaren sein. Dadurch, dass er seine Taten untersucht und seine Fehler begreift, kann er für die Zukunft Lehren ziehen. Er kann schauen, was die Ursachen für ein Fehlverhalten waren, aus welchen Umständen sie entstanden sind und welche Rahmenbedingungen dieses Fehlverhalten begünstigt haben. Wenn er diese Faktoren erkannt hat, kann er sich für die Zukunft merken, dass er schon bei dem Erscheinen dieser Faktoren besonders aufmerksam sein sollte, weil er zuvor aus diesen Faktoren heraus etwas Falsches getan hat. Diese präventive Haltung nennt man al-Waraʿ.

Vierter Schritt: Konsequenzen ziehen

Wenn der Diener in Fehler oder Sünden gefallen ist, muss er seinem Nafs deutlich machen, dass er etwas Falsches getan hat. Dafür kann man "erlaubte Strafen" anwenden. Das heißt, man sollte dem Nafs gewisse Genüsse enthalten und/oder Dinge auferlegen, die ihm schwer fallen. Man könnte zum Beispiel auf eine Mahlzeit verzichten, auf die man sich sehr gefreut hätte und gleichzeitig kann man sich vornehmen, am nächsten Tag zu fasten oder gewisse Aufgaben erfüllen, die dem Nafs besonders schwer fallen.
Dadurch, dass man den Nafs in eine Enge treibt, nachdem er den Diener in Fehler geführt hat, kann man ihn so bewusst darüber machen und ihn in die Richtung erziehen, dass er nicht mehr danach verlangen soll.

Fünfter Schritt: Widerstand gegen den Nafs (al-Muǧāhada)

Der Diener muss eine eigene Widerstandskraft entwickeln, mit der er der Nachlässigkeit des Nafs widersteht. Immer dann, wenn der Nafs sehr aggressiv nach etwas verlangt, muss man genauso stur und aggressiv dagegenhalten und somit seine Widerstandskraft steigern. Es ist eine mentale Kraft und kann durch häufige Anwendung gesteigert und gestärkt werden.

Sechster Schritt: Selbstkritik

In vielen Biografiewerken großer Gelehrte und Gottesdiener findet man solche, von denen Aussagen überliefert wurden, in denen sie sich selbst tadeln. Es ist also möglich, dass man sich selbst durch Aussprechen oder inneres Denken über seine Fehler bewusst macht und sich selbst kritisiert, so dass man ein leicht angeschlagenes Gewissen hat. Ein Gewissen, dass nicht lähmt, sondern motiviert, am Problem zu arbeiten.

Diese sechs Schritte sind Methoden und Anreize, Dinge zu tun, um bewusster zu leben und sich selbst bewusster wahrzunehmen. Durch diese Bewusstseinsübungen kann der Mensch enorme Fortschritte an seiner Persönlichkeit erzielen, da sie zur Steigerung und Verbesserung des Charakters dienen und dazu reizen und motivieren. Daher sollte jeder solche Formen von Selbstkontrolle als Gewohnheit entwickeln.

Al-Ḥasan al-Baṣrī (gest. 110 n.H.) sagte: “Wahrlich der Gläubige ist derjenige, der sein Nafs (Ego) im Griff hat. Er zieht sein Nafs für Allāh zur Rechenschaft. Und die Strafe am Jüngsten Tag wird für diejenigen erleichtert, die sich im Diesseits zur Rechenschaft gezogen haben. Und die Strafe am Jüngsten Tag wird für diejenigen erschwert, die das Leben im Diesseits ohne Rechenschaft hingenommen haben.”

Der Prophet, Allāhs Friede und Segen auf ihm, sagte: “Der Schlaue ist der, der sein Nafs erzieht und für das (Leben) nach dem Tod arbeitet. Der Armselige ist der, der den Neigungen seines Nafs folgt und leere Hoffnungen von Allāh pflegt.” (at-Tirmiḏī, Ibn Māǧa)

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