Donnerstag, 16. November 2017

Die Unabhängigkeit von den Geschöpfen

Der Muslim, der an den Jüngsten Tag glaubt und auch versucht, sein Leben mit dem Bewusstsein zu gestalten, dass er eines Tages sterben wird und am Jüngsten Tag für seine Taten gerade stehen muss, wird einiges im Laufe seines Lebens erkennen, was seine Haltung den Geschöpfen gegenüber anbelangt.

Allāh, alles Preis und Lob gebührt Seiner, sagt im Qurʾān:

"Und ein jeder von ihnen wird am Jüngsten Tag alleine zu Ihm kommen." (Sūrah Maryam - Vers 95)

"Am Tage, da der Himmel wie geschmolzenes Metall sein wird, und die Berge wie farbige Wollflocken, und ein Freund nicht mehr nach einem Freunde fragen wird, werden sie in Sichtweite zueinander gebracht werden, und der Schuldige würde sich wohl von der Strafe jenes Tages loskaufen wollen mit seinen Kindern und seiner Frau und seinem Bruder und seiner Verwandtschaft, die ihn beherbergt hat, und allen, die insgesamt auf Erden sind, wenn es ihn nur retten könnte." (Sūrah al-Maʿāriǧ - Verse 8-14)

"Doch wenn das betäubende Getöse kommt am Tage, da der Mensch seinen Bruder fluchtartig verlässt, sowie seine Mutter und seinen Vater und seine Frau und seine Söhne, an jenem Tage wird jeder eigene Sorgen genug haben, die ihn beschäftigen." (Sūrah Abasa - Verse 33-37)

Es ist somit ersichtlich, dass der Mensch am Jüngsten Tag einzig und allein seine eigenen Sorgen tragen wird. Diese Tatsache beinhaltet einige Weisheiten und Erkenntnisse, die in diesem Artikel genauer verdeutlicht werden sollen.

Wenn wir nun alleine dastehen werden und nichts und niemand uns einen Nutzen bringen kann, dann müssen wir uns fragen, was uns das in unserer Beziehung zu den Geschöpfen im Diesseits lehren könnte. 

Allāh, erhaben und alles Lobes würdig ist Er, sagt im Qurʾān:

"(Er ist derjenige,) der den Tod und das Leben erschaffen hat, auf dass Er euch prüfe, wer von euch die besseren Taten verrichte; und Er ist der Erhabene, der Allvergebende." (Sūrah al-Mulk - Vers 2)

"Wahrlich, diejenigen, die sagen: 'Unser Herr ist Allāh', und die sich dann aufrichtig verhalten - zu ihnen steigen die Engel nieder (und sprechen): 'Fürchtet euch nicht und seid nicht traurig, und erfreut euch des Paradieses, das euch versprochen wurde.'" (Sūrah Fuṣṣilat - Vers 30)

Der Mensch hat die Aufgabe, durch Taten und durch Aufrichtigkeit seine Dienerschaft und seine Liebe und Hingabe dem Herrn der Welten gegenüber, der uns alles Leben und Möglichkeiten gab, unter Beweis zu stellen. Wenn der Anfang aller Dinge und das Ende aller Dinge unser Herr ist, dann liegt es auf der Hand, dass Er der einzige Fokus der Dinge sein darf. Alles andere, sei es Besitz, Familie, Ansehen, Stellung usw. sind rein funktionaler Natur und dürfen ihre Rolle als Funktionalität nicht verlassen. Sie sollen uns dabei als geistige und praktische Mittel zur Verfügung stehen, damit wir diesem Ziel nachgehen können. Jeder arbeitet für sich individuell an einem guten Ende und an einer günstigen Position am Jüngsten Tag. Dabei helfen wir uns gegenseitig, uns sozusagen selber zu helfen. 

Da die Geschöpfe um uns herum somit nur funktional sind, um unseren Fokus auf Allāh zu erleichtern oder zu ermöglichen, dürfen diese Geschöpfe logischerweise gewisse Sachen nicht in unserem Leben bewirken:

1. Sie dürfen uns nicht zu Sünden oder zu Fehlern führen.

Das ist ein Problem, was viele in der Freundschaft nicht beachten. Wenn man sich den zuvor erwähnten Fokus genau vor die Augen nimmt, wird man erkennen, dass Freunde und Begleiter nach diesem Prinzip ausgewählt werden müssen. Sie dürfen uns kein Hindernis sein und dürfen uns nicht negativ beeinflussen. Nur weil man auf dieselbe Schule ging heißt das nicht, dass man diese Person sein Leben lang nun als Freund behalten müsste. Alles ist abdingbar, sobald es beim Streben nach der Zufriedenheit Allāhs zu einem Problem und einem Hindernis wird.

2. Sie dürfen nicht grenzenlos geliebt werden.

Seien es Kinder, Ehefrau oder das Geld. All jenes hat seine Funktionalität und gehört zum Schmuck des diesseitigen Lebens. Nichts davon darf übermäßig geliebt werden. Denn die übermäßige Liebe führt zum Gehorsam. Jedoch ist uneingeschränkter Gehorsam nur Allāh gegenüber bestimmt. Wenn Dinge oder Personen zu sehr geliebt werden, wird man in der Lage sein, die Prinzipien, die man vor Allāh einhalten möchte, zu missachten.
Genauso wird so eine Liebe mit dem Prinzip der Vergänglichkeit im Widerspruch stehen; und auch mit der Tatsache, dass jede einzelne Person oder jeder einzelne Gegenstand am Jüngsten Tag keinen Stellenwert mehr für uns haben wird, wenn wir alleine vor Allāh stehen.
Daher sagten viele Gelehrte, dass in den Lebensbeispielen vieler Propheten diese Grenze erprobt wurde. So wurde Ādam, Friede auf ihm, mit dem Paradies geprüft und dem Gefühl, dort ewig sein zu können. Und Ibrāhīm, Friede auf ihm, wurde mit der Liebe zu seinem Sohn Ismāʿīl geprüft. Auch der Prophet Muḥammad, Allāhs Friede und Segen auf ihm, wurde mit der Liebe zu seiner Frau ʿĀʾiša und zu seinen Enkeln al-Ḥasan und al-Ḥusain geprüft.

Die Beachtung der Bindung an die Geschöpfe ist etwas sehr fundamental wichtiges und darf bei keiner Angelegenheit im Leben vergessen werden. Wir müssen stets darauf achten, dass wir die Geschöpfe nach den grundlegenden Prinzipien bewerten und uns auch nur nach diesen Prinzipien ihnen gegenüber positionieren. Nichts darf überbewertet werden und der Fokus auf unsern Herrn darf niemals außer Acht gelassen werden. Denn wenn der Fokus erst einmal weg ist, wird man viele Folgefehler begehen und eine Abhängigkeit zu den Geschöpfen entwickeln. Diese Abhängigkeit kann sich im schlimmsten Fall ausweiten und somit unsere Beziehung zu Allāh dem Erhabenen komplett zerstören und uns zu Knechten der Geschöpfe machen, indem wir diesen Geschöpfen aufgrund der Abhängigkeit hinterherlaufen. Jedoch wird uns nichts davon gewährt werden, denn Allāh ist derjenige, der gewährt und verwehrt. Wenn Er sieht, dass wir uns Seinen Geschöpfen unterworfen haben, dann wird Er die Lage verschlimmern. So wird sich die Abhängigkeit immer weiter ausdehnen und es wird ein endloser Teufelskreis werden. Aus so einem Zustand herauszukommen würde nur noch dann gelingen, wenn wir zu Allāh zurückkehren und die Prinzipien wieder aufnehmen würden.

Möge Allāh uns vor so einem Zustand der Abhängigkeit bewahren. Āmīn.

"Er ist der Erste und der Letzte, der Offenbare und der Verborgene, und Er ist der Kenner aller Dinge." (Sūrah al-Ḥadīd - Vers 3)

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