Freitag, 30. März 2018

Einführung in die Lehre über den Nafs

Dies ist eine schriftliche Zusammenfassung einer Einführung zu einer Vortragsreihe über das Thema Nafs.
(Link zum Vortrag: https://youtu.be/aT3-6d_6hF )

Der große Asket Yaḥyā ibn Muʿāḏ (gest. 258 n.H.) sagte etwas, was oft fälschlicherweise dem Propheten zugeschrieben wird, und zwar: "Wer sein Nafs erkannt hat, der hat seinen Herrn erkannt."
Was ist also dieser Nafs? Und warum führt die Erkenntnis seiner zu der Erkenntnis unseres Herrn?

Zuallererst muss geklärt werden, was der Nafs überhaupt ist und was er bedeutet. Dafür nehmen wir zuerst zwei sprachliche Definitionen. Die erste stammt von dem großen Sprachwissenschaftler Ibn Manẓūr (gest. 711 n.H.), der Verfasser des Lisān al-ʿArab, eines der größten und bedeutsamsten Lexiken der arabischen Sprache. Er sagt, dass Nafs zwei Bedeutungen hat. Es ist erstens die Seele und zweitens die Essenz oder Gesamtheit einer Sache. Eine weitere sprachliche Definition entnehmen wir von dem hanbalitischen Universalgelehrten Abū al-Faraǧ ibn al-Ǧawzī (gest. 597 n.H.), der in seinem Werk Madāriǧ as-Sālikīn sagte, dass Nafs erstens die Gesamtheit der Emotionen und Triebe bedeuten kann oder das Bewusstsein des Menschen über sich selbst.

Danach folgt die Darstellung des Nafs im Qurʾān. Allāh, Erhaben ist Er, beschreibt den Nafs in mehreren Eigenschaften:

1. „Wahrlich, der Nafs befiehlt ständig das Schlechte.“ (Sūrah Yūsuf - Vers 53)
An-Nafs al-Ammāra = der Nafs, der ständig befiehlt

2. „Aber nein, ich schwöre bei dem sich selbst tadelnden Nafs.“ (Sūrah al-Qiyāma - Vers 2)
→  An-Nafs al-Lawwāma = der Nafs, der tadelt

3. „O du beruhigter Nafs, kehre zurück zu deinem Herrn – (während du) zufrieden bist und man mit dir zufrieden ist.“ (Sūrah al-Faǧr - Verse 27-28)
An-Nafs al-Muṭmaʾinna = der beruhigte Nafs
An-Nafs ar-Rāḍiya = der zufriedene Nafs
An-Nafs al-Marḍiyya = der Nafs, mit dem man zufrieden ist

Es ist also aus dem Qurʾān zu entnehmen, dass der Nafs Stufen hat und quasi qualitativ aufsteigen kann, von einer schlechten Art und Weise zu einer geläuterten und gereinigten Art. Es ist aber auch zu erkennen, dass der Nafs nichts anderes ist, als der Mensch in seinem inneren Wesen und seinem Selbstbewusstsein.

Hiernach nehmen wir die Strukturierung des shafiitischen Gelehrten Abu Ṭālib al-Makkī (gest. 386 n.H.), welcher ein Gesamtwerk über das Herz schrieb und sehr feine Aufteilungen und Strukturen aufstellte, um das Thema zu systematisieren.

Zuerst sagt er, dass der Nafs vier Wesenseigenschaften besitze:

1. Schwäche (aḍ-Ḍaʿf)
Und der Mensch wurde schwach erschaffen.“ (Sūrah an-Nisāʾ - Vers 28)
Der Mensch ist sehr schwach und bedürftig. Er benötigt Essen, Trinken, Schlaf, Versorgung, Medizin, emotionale Fürsorge uvm. Er kann schwer alleine durch die Welt ziehen und bedarf der Gemeinschaft und der Unterstützung.

2. Geiz (al-Buḫl)
Unter euch sind solche, die geizen. Wer geizt, der geizt nur seinem Nafs gegenüber.“ (Sūrah Muḥammad - Vers 38)
Der Mensch ist ständig besorgt um seine Existenz und möchte Vorkehrungen schaffen und Geld und Vermögen ansparen und ist daher oft seinem Besitz gegenüber anfällig, weil es sein Überleben suggeriert.

3. Gelüst (aš-Šahwa)
Verziert wurde dem Menschen die Liebe an der Lust nach Frauen und Kindern und gehäuften Mengen von Gold und Silber und Zuchtpferden und Vieh und Saatfeldern; doch bei Allāh ist die schönste Heimkehr.“ (Sūrah Āli ʿImrān - Vers 14)
Der Mensch begehrt die weltlichen Dinge. Aš-Šahwa wird oft für die sexuellen Gelüste verwendet, geht aber darüber hinaus. Es geht darum, dass der Mensch gierig und lüstern nach Dingen trachtet. Damit ist gemeint, dass er (wie bei den sexuellen Gelüsten) überrumpelt wird von einem Antrieb, Dinge zu tun und das kann auf das Begehren nach allen möglichen Dingen übertragen werden.

4. Ignoranz (al-Ǧahl)
Er (der Mensch) ist sehr ungerecht und ignorant.“ (Sūrah al-Aḥzāb - Vers 72)
Der Mensch weiß sehr wenig und egal wie viel Mühe er sich macht, wird er nur einige Schwerpunkte setzen können und in diesen Bereichen niemals die Perfektion erlangen. Egal wie viel der Mensch lernt, wird es verglichen zu dem, was er nicht weiß, so wie ein Staubkorn neben dem ganzen Universum sein.

Aus diesen vier Wesenseigenschaften sagt der Gelehrte im Resultat, dass sich diese in zwei Wesenszüge zusammenfassen lassen können: 
1. Unausgeglichenheit / Maßlosigkeit
2. Drang, eigene Wünsche oder Neigungen zu erfüllen

Anschließend beschreibt er, ähnlich wie Imām al-Ġazālī (gest. 505 n.H.), der auch deutlich von al-Makkī inspiriert wurde, dass der Mensch vier Naturen besitze:

1. Herrschaftsnatur
Darunter fallen Eigenschaften wie Hochmut (Kibr), Eitelkeit (ʿUǧb), Freude an der Macht und dem Respekt der Leute usw.

2. Teuflische Natur
Darunter fallen Eigenschaften wie die Hinterlistigkeit, Betrug, Neid (Ḥasad), Unehrlicheit usw.

3. Tierische Natur
Darunter fallen Handlungen wie das Essen, Trinken und die Fortplanzung

4. Natur des Dieners
Darunter fallen die Eigenschaften wie Gottesfurcht (Taqwā), Bescheidenheit (Tawāduʿ), Demut (Ḫušūʿ) usw.

Zu erkennen ist hierbei, dass die ersten drei Naturen für das Diesseits funktionieren. Sie sind Funktionen des Erhaltes der Menschheit. Die Herrschaftsnatur wird benötigt, weil es immer jemanden geben muss, der die Menschen leitet oder über sie herrscht. Die teuflische Natur ist der kreative Teil des Menschen, der Pläne schmieden kann, Fortschritte und wirtschaftliche Entwicklungen planen kann. Die tierische Natur kümmert sich um den biologischen Erhalt des Menschen. Nur die Natur des Dieners ist dafür da, dem Menschen nach seinem Tod im Jenseits ein schönes Dasein zu ermöglichen.

Es ist also anzunehmen, dass man die Funktionalitäten dieser Naturen für das Leben benutzen kann, aber diese nicht zu einem Schwerpunkt machen sollte. Anhand der Eigenschaften, die darunter erwähnt wurden, sieht man, dass die Naturen selbst, wenn sie maßlos ausgelebt werden, viele schlechte Dinge beinhalten. Nur als Werkzeuge zum Erhalt der Gesellschaften sind sie nützlich einzusetzen. Darüber hinaus haben sie nur Schaden an sich. Deswegen sollte der Mensch sich darum kümmern, die Stabilität, den Frieden und eine gute Umgebung zu erlangen, nur um sich auf die vierte Natur zu konzentrieren und für das Jenseits vorzusorgen.

Hier liegt die Antwort, die wir suchen. Wenn der Mensch sein Nafs erkennt und begreift, wie bedürftig, abhängig, schwach und maßlos es sein kann, wird er begreifen, dass er auf dieser Erde niemals ewig bestehen kann und dass er irgendwann hierher kam und wieder vergehen wird. Diese Realität wird ihm bewusst machen, dass er keine Macht oder Kraft hat, und das all dies in der Hand eines Schöpfers liegen muss, der die Quelle alles Seienden ist. Diesen Eindruck muss der Diener nun verdeutlichen. Dafür muss er sein Nafs läutern und kann dadurch die Nähe Allāhs erlangen und somit in der Erkenntnis Seiner zunehmen.

Um den Nafs zu läutern haben viele Gelehrte Werke und Methoden dargelegt, mit denen man systematisch arbeiten kann. Einer dieser Gelehrten war der zuvor erwähnte Abū al-Faraǧ ibn al-Ǧawzī, der in seinem Werk Madāriǧ as-Sālikīn eine sechsstufige Anleitung verfasste, die man als eine Orientierung nutzen kann. Diese Methoden sind pädagogische Mittel, die nicht verbindlich sind und auch nicht als solche verstanden werden sollen. Daher variieren die Methoden auch sehr und sind nur als Inspiration und Reiz anzusehen.

Erster Schritt: Vereinbarung und Verhandlung mit dem Nafs

Der Diener muss seinem Nafs bewusst machen, dass er nicht nur nach den weltlichen Gelüsten und Freuden streben darf. Der Nafs kennt nämlich keine Moral. Er weiß nicht, was gut und schlecht ist, sondern möchte einfach nur bestehen und das für ihn Erfreuliche erlangen. Daher wirkt er auch sehr unmittelbar. Das Jenseits ist aber ein langfristiges Ziel und bedarf daher einen langen Atem. Dies muss man seinem Nafs einreden, indem man es immer wieder daran erinnert, dass man gemeinsam daran arbeiten muss, für das Jenseits vorzusorgen. Um die Nuancen des Nafs zu begreifen, muss man sich selbst untersuchen. Die eigenen Schwächen, Bedürfnisse und Neigungen begreifen und dann entsprechend dieser Selbsterkenntnis dann mit sich umgehen.

Zweiter Schritt: Kontrolle und Überwachung des Nafs (al-Murāqaba)

Al-Murāqaba ist in der Sunnah des Propheten eigentlich das Bewustssein darüber, dass Allāh über einen wacht. Jedoch geht man hierbei einen Schritt weiter, und wacht selber über sein Nafs. So macht man sein Nafs darüber bewusst, dass Allāh über ihn wacht, damit man stets das Gefühl von Überwachung hat und sich dadurch vom Schlechten abhalten kann.


Dritter Schritt: Den Nafs zur Rechenschaft ziehen (al-Muḥāsaba)

Der Diener muss seine Taten reflektieren. Er sollte seine Fehler und Mängel erkennen und sich darüber im Klaren sein. Dadurch, dass er seine Taten untersucht und seine Fehler begreift, kann er für die Zukunft Lehren ziehen. Er kann schauen, was die Ursachen für ein Fehlverhalten waren, aus welchen Umständen sie entstanden sind und welche Rahmenbedingungen dieses Fehlverhalten begünstigt haben. Wenn er diese Faktoren erkannt hat, kann er sich für die Zukunft merken, dass er schon bei dem Erscheinen dieser Faktoren besonders aufmerksam sein sollte, weil er zuvor aus diesen Faktoren heraus etwas Falsches getan hat. Diese präventive Haltung nennt man al-Waraʿ.

Vierter Schritt: Konsequenzen ziehen

Wenn der Diener in Fehler oder Sünden gefallen ist, muss er seinem Nafs deutlich machen, dass er etwas Falsches getan hat. Dafür kann man "erlaubte Strafen" anwenden. Das heißt, man sollte dem Nafs gewisse Genüsse enthalten und/oder Dinge auferlegen, die ihm schwer fallen. Man könnte zum Beispiel auf eine Mahlzeit verzichten, auf die man sich sehr gefreut hätte und gleichzeitig kann man sich vornehmen, am nächsten Tag zu fasten oder gewisse Aufgaben erfüllen, die dem Nafs besonders schwer fallen.
Dadurch, dass man den Nafs in eine Enge treibt, nachdem er den Diener in Fehler geführt hat, kann man ihn so bewusst darüber machen und ihn in die Richtung erziehen, dass er nicht mehr danach verlangen soll.

Fünfter Schritt: Widerstand gegen den Nafs (al-Muǧāhada)

Der Diener muss eine eigene Widerstandskraft entwickeln, mit der er der Nachlässigkeit des Nafs widersteht. Immer dann, wenn der Nafs sehr aggressiv nach etwas verlangt, muss man genauso stur und aggressiv dagegenhalten und somit seine Widerstandskraft steigern. Es ist eine mentale Kraft und kann durch häufige Anwendung gesteigert und gestärkt werden.

Sechster Schritt: Selbstkritik

In vielen Biografiewerken großer Gelehrte und Gottesdiener findet man solche, von denen Aussagen überliefert wurden, in denen sie sich selbst tadeln. Es ist also möglich, dass man sich selbst durch Aussprechen oder inneres Denken über seine Fehler bewusst macht und sich selbst kritisiert, so dass man ein leicht angeschlagenes Gewissen hat. Ein Gewissen, dass nicht lähmt, sondern motiviert, am Problem zu arbeiten.

Diese sechs Schritte sind Methoden und Anreize, Dinge zu tun, um bewusster zu leben und sich selbst bewusster wahrzunehmen. Durch diese Bewusstseinsübungen kann der Mensch enorme Fortschritte an seiner Persönlichkeit erzielen, da sie zur Steigerung und Verbesserung des Charakters dienen und dazu reizen und motivieren. Daher sollte jeder solche Formen von Selbstkontrolle als Gewohnheit entwickeln.

Al-Ḥasan al-Baṣrī (gest. 110 n.H.) sagte: “Wahrlich der Gläubige ist derjenige, der sein Nafs (Ego) im Griff hat. Er zieht sein Nafs für Allāh zur Rechenschaft. Und die Strafe am Jüngsten Tag wird für diejenigen erleichtert, die sich im Diesseits zur Rechenschaft gezogen haben. Und die Strafe am Jüngsten Tag wird für diejenigen erschwert, die das Leben im Diesseits ohne Rechenschaft hingenommen haben.”

Der Prophet, Allāhs Friede und Segen auf ihm, sagte: “Der Schlaue ist der, der sein Nafs erzieht und für das (Leben) nach dem Tod arbeitet. Der Armselige ist der, der den Neigungen seines Nafs folgt und leere Hoffnungen von Allāh pflegt.” (at-Tirmiḏī, Ibn Māǧa)

Donnerstag, 22. Februar 2018

Urteile gerecht oder gar nicht

Einer der wichtigen psychologischen Phänomene des Menschen ist das schwache und schnelle Urteil. Dies ist die geistig primitivste Haltung des Menschen, welche wir auch im Traum erleben. Wenn dem Menschen im Schlaf etwas geschieht, dann erlebt er im Traum  das, was er am unmittelbarsten denkt. Wenn jemand nach ihm ruft, hört er jemanden im Traum nach ihm rufen; und andersrum, wenn er im Traum fällt, denkt er, er würde in Wirklichkeit fallen. Das Gehirn ist im Traum also unfähig, einen kritischen Gedanken zwischen Wahrnehmung und Urteil zu erzeugen.

Diese Leichtgläubigkeit, dieser unkritische und primitive Ausdruck der menschlichen Wahrnehmung, wird durch reflektiertes und mündiges Denken und Urteilen beseitigt. Über dieses Phänomen, was ich als kritische Distanz bezeichnet habe, habe ich zuvor schon gesprochen und woanders betont, wie wichtig bewusstes Urteilen und Handeln sind.

Leider ist diese Geisteshaltung, Dinge schnell zu glauben, oder schnell über Personen oder Umstände zu urteilen, eine verbreitete Krankheit unter Muslimen geworden. Das liegt auch teilweise daran, dass der Mensch immer mehr Informationen verarbeiten muss und daher kaum Zeit bleibt, jede Sache tiefgründig zu überdenken. Halb so schlimm wäre es, wenn man sich der Urteile enthält. Problematisch wird es aber, wenn wir über Dinge urteilen, die wichtig sind, wir aber zu wenig Faktoren berücksichtigen, bevor wir ein Urteil abgeben.

Diesen Fehler beschreibt unser erhabener Herr im Qurʾān in der Geschichte von Dāwūd, Allāhs Friede sei auf ihm, als dieser in seiner Gebetsnische war und zwei Engel in Menschengestalt zu ihm kamen:

"Ist nicht die Geschichte der zwei Streitenden zu dir gekommen, als diese über die Mauer des Gebetsplatzes kletterten. Als sie bei Dāwūd eintraten und er sich erschrak. Sie sagten: 'Fürchte dich nicht. Zwei Streitende (sind wir), die sich einander vergangen haben, so urteile zwischen uns in Wahrheit, und handle nicht ungerecht und führe uns zu einem geebneten Weg. Dieser ist mein Bruder. Er hat 99 Schafe und ich habe ein Schaf. Er sagte 'Gib sie mir' und er übertraf mich in der Rede.' 
Er (Dāwūd) sagte: 'Er hat dir fürwahr Unrecht getan, als er dein Schaf zu seinen Schafen wünschte. Und viele der Teilhaber vergehen sich gegeneinander, ausgenommen die, die glauben und gute Werke tun; und wenig sind diese.'
Und Dāwūd bemerkte, dass wir ihn geprüft haben, so kehrte er sich reumütig um und warf sich nieder und bereute." (Sūrah Ṣād - Verse 21-24)

Diese zwei Streitenden lösten sich plötzlich in Luft auf, nachdem Dāwūd sein Urteil gegeben hatte. Daher bemerkte er, dass es sich um eine göttliche Prüfung gehandelt haben muss. Er bemerkte, dass er einen Fehler getan hat, was in die Bücher als der Fehler Dāwūds eingegangen ist. Er hat nämlich über den Fall geurteilt, ohne sich die Position des anderen anzuhören. Für ihn wirkte es klar wie eine Ungerechtigkeit, dass ein Mann mit 99 Schafen das einzige Schaf seines Bruders verlangt. Das wirkte für ihn wie ein klarer Fall, so dass er es nicht für nötig hielt, die andere Seite anzuhören. 

ʿAbdullāh ibn Mubārak berichtet in seinem Kitāb az-Zuhd wa r-Raqāʾiq einige Aussagen über die Reue Dāwūds, Allāhs Friede sei auf ihm:

Al-Ḥasan al-Baṣrī sagte: "Als Dāwūd diesen Fehler beging, verweilte er vierzig Nächte in der Niederwerfung."

ʿAbdullāh ibn ʿUbayd sagte: "Dāwūd verharrte vierzig Nächte in der Niederwerfung weinend."

Muǧāhid sagte: "Er verblieb vierzig Tage in der Niederwerfung und er hob seinen Kopf nicht, bis auf dem Boden Gras gewachsen war durch seine Tränen."

Und Allāh, der Gnadenvolle und Allbarmherzige, nahm seine Reue an:

"Und so vergaben wir ihm dieses. Und er hatte bei uns fürwahr eine gute Stellung und eine schöne Einkehr. O Dāwūd, wir haben dich zu einem Sachwalter im Diesseits gemacht. Richte daher zwischen den Menschen in Gerechtigkeit und folge nicht deinen Gelüsten, damit sie dich nicht vom Weg abirren lassen. Die, die sich von Allāhs Weg abirren lassen, denen wird eine strenge Strafe zuteil, weil sie den Tag der Abrechnung vergaßen." (Sūrah Ṣād - Verse 25-26)

Die Weisheit ist hier sehr tiefgreifend und beachtenswert. Denn egal, wie klar und deutlich eine Situation aussieht, darf man nicht darüber urteilen, solange man nicht alle notwendigen Faktoren erfahren hat. Wenn man zwischen Personen schlichtet und Probleme zwischen mehreren Personen lösen bzw. beurteilen möchte, muss man jede Partei und jede Instanz anhören und erst dann darf man ein Urteil abgeben. Egal wie klar und deutlich die Situation auch scheinen mag.

Allāh, der Allweise und Allwissende sagt über die Diskussionen, die die Menschen bzgl. der Anzahl der Leute der Höhle (Aṣḥāb al-Kahf) geführt haben:

"Und diskutiere nicht über sie, außer in einer klaren Diskussion." (Sūrah al-Kahf - Vers 22)

Und an weiteren Stellen sagt unser Herr:

"Und wahrlich die Vermutung ersetzt die Wahrheit in keinster Weise." (Sūrah an-Naǧm - Vers 28)

"Wahrlich Allāh befiehlt euch, dass Anvertraute den Besitzern auszuhändigen und, wenn ihr über die Menschen richtet, in Gerechtigkeit zu richten." (Sūrah an-Nisāʾ - Vers 58)

Es wird ersichtlich, dass Allāh, der Gerechte und Vollkommene, von uns möchte, dass wir präzise darin sind, wenn wir über die Angelegenheiten der Menschen richten und sie beurteilen. Wenn uns die Angelegenheiten der Menschen jedoch nichts angehen, so ist es auch nicht unsere Aufgabe zu richten und zu urteilen. Daher muss der schlaue Gläubige begreifen, dass das Richten und das Urteilen sehr gefährlich sind und viel Vorsicht bedürfen und daher muss er immer dazu geneigt sein, gar nichts über andere zu denken und sie nicht im Innern durch Gedanken oder durch Äußerung von Aussagen zu beurteilen. 

Erst indem wir uns kurz anhalten und uns darüber bewusst werden, dass wir eine Sache gar nicht erst zu bewerten brauchen oder nicht genug Informationen haben, um der Sache gerecht zu werden, können wir eine kritische Distanz aufbauen. Diese kritische Distanz führt dann dazu, dass man generell kein Urteil im Kopf bildet, wenn man mit einer neuen Sachlage konfrontiert wird. Dies ist eine notwendige Qualität eines guten Gläubigen. Denn dadurch bewahrt man sich vor vielen üblen Dingen wie Leichtgläubigkeit, negative Gedanken, Abneigung gegen andere, Verurteilung, Verachtung, Herabschauen und dadurch auch noch das eigene Ego beflügeln usw.
Durch diese unkritische und voreilige Be- und Verurteilung öffnen sich so viele Türen zum Schlechten und zu Sünden und Fehlern des Herzens. Daher muss ein jeder Gläubiger diese kritische Distanz entwickeln und sie ständig üben.

"Wahrlich, Allāh gebietet die Gerechtigkeit, die Güte und die Beschenkung der Verwandten; und Er verbietet die Schändlichkeit, die Abscheulichkeit und die Gewalttätigkeit. Er warnt euch, auf dass ihr euch besinnen möget." (Sūrah an-Naḥl - Vers 90)

Sonntag, 14. Januar 2018

Prinzipien der Unabhängigkeit - Anleitung für ein glückliches Leben

(Diesen Artikel findet ihr auch als Vortrag auf YouTube)

Wie in dem Artikel vom November schon besprochen wurde, spielt der Gedanke der Unabhängigkeit von den Geschöpfen eine wichtige Rolle, um eine intensive Beziehung zu unserem Schöpfer herzustellen. Das Konzept der Unabhängigkeit fällt unter die Kategorie des Vertrauens auf Allāh (at-Tawakkul ʿala-llāh) und bedarf einer ausführlichen Erklärung, da at-Tawakkul in der gängigen Literatur und den Unterrichten zu oberflächlich besprochen wird und viele gar nicht wissen, dass der Diener gewisse Prinzipien (bzw. Regeln) einhalten muss, um wirklich sein Vertrauen auf Allāh zu beweisen und auch die Ruhe und die Resultate zu erlangen, die darauf folgen, dass man das Vertrauen auf Allāh richtig verwirklicht hat. In diesem Artikel möchte ich die Grundgedanken und Prinzipien verständlich ausführen und hoffe von Allāh, dass ich mit meinen Untersuchungen und Interpretationen das Rechte getroffen habe und bitte Ihn darum, dass Er dieses Konzept in der Anwendung segnen soll, damit seine Funktionalität für den Gläubigen ersichtlich wird und es die Herzen somit Allāh näher bringt.

Die Grundgedanken


Die Grundgedanken sind wie das Fundament, die die Prinzipien antreiben und erst richtig sinnvoll machen.

1. Das Vertrauen auf Allāh (at-Tawakkul ʿala-llāh)


Ibn ʿAbbās überliefert vom Propheten, Friede und Segen auf ihm, dass er sagte: „70.000 von meiner Umma werden das Paradies ohne Abrechnung betreten; es sind solche, die nicht nach Ruqya fragen oder an Omen glauben oder Brenneisen [eine Form von Wahrsagerei] verwenden und die sich auf ihren Herrn verlassen.“ [Bei Buḫārī und Muslim überliefert]

Es wird von vielen Gelehrten wie Imām Aḥmad, Qāḍī ʿIyāḍ, Ibn Taymiyya und vielen anderen überliefert, dass sie das Erfragen von Ruqyā als einen Mangel von at-Tawakkul angesehen haben.

Ibn Taymiyya sagte: "Dass sie nicht nach Ruqya fragen bedeutet, dass sie es nicht von anderen erbitten. Ruqya gehört zur Kategorie von Bittgebeten und es wird daher von niemanden verlangt."

Das bedeutet, dass Ruqya eine Form von Bittgebet ist, bei dem man Allāh um Heilung bittet. Allgemeiner betrachtet ist es somit ein Mangel von Tawakkul, dass man andere um die Erledigung einer Sache bittet, die man eigentlich direkt an Allāh richten müsste. Daher ist das Verlangen von Ruqya oder das Verlangen von Bittgebeten von anderen eine Form von Mangel an Tawakkul. [Ausnahme bei Bittgebeten ist, dass man diejenigen um Bittgebete bitten kann, die eine besondere Stellung im Bittgebet haben, wie dem Pilgerer, der auf den ʿArafa-Berg steigt oder das Bittgebet des Reisenden und dergleichen.]

Der Gedanke hierbei ist, dass der Diener auf die Wirkung seines Bittgebetes oder seiner Ruqya vertrauen muss. Er muss davon ausgehen, dass Allāh sein Bittgebet garantiert hört und ihn nicht einfach ignoriert oder dergleichen. Daher muss der Diener Zuversicht in seine eigene Beziehung zu Allāh entwickeln.

2.  Die Genügsamkeit mit Allāh (al-Iktifāʾ billāh)


Allāh, der Erhabene und Majestätische, spricht in seinem Buch:

"Ist Allāh Seinem Diener nicht genug?" (Sūrah az-Zumar - Vers 36)

"O Gesandter, Allāh reicht dir und denjenigen von den Gläubigen, die dir folgen." (Sūrah al-Anfāl - Vers 64)

"Allāh wird dir ihnen gegenüber genügen." (Sūrah al-Baqara - Vers 137)

Der zweite Grundgedanke baut auf solcherlei Verse und Aussagen auf, bei denen verdeutlicht wird, dass Allāh dem Diener ausreichend ist und der Diener nichts außer Ihm benötigt. Man könnte erwidern, dass der Mensch ja zum Überleben gewissen Dinge benötigt. Jedoch sind diese Dinge sogenannte Mittel (Asbāb), die von Allāh zur Verfügung gestellt werden.

Wenn der Diener diesem Verhältnis bewusst wird, richtet sich der Fokus nicht auf die Mittel selbst, sondern auf Allāh, der die Mittel zur Verfügung stellt und bemisst. Begreift man also, dass man nur Allāh benötigt, wird man kein Gefühl von Unzufriedenheit mit der Dunyā entwickeln können. Denn Unzufriedenheit kommt durch Verlangen, welches nicht gestillt wird. Wenn man sein Verlangen nur auf Allāh richtet, hat man alles, was man benötigt. Erzeugt man aber aus seinem Nafs (Ego) heraus weitere Wünsche und Verlangen, erzeugt man damit auch automatisch die Gefahr auf Unzufriedenheit.

3. Die Unabhängigkeit durch Allāh (al-Istiġnāʾ billāh)


ʿAbdurraḥmān ibn ʿAwf überliefert vom Propheten, Allāhs Friede und Segen auf ihm, dass er sagte: 

Drei (Dinge) schwöre ich bei dem, in dessen Hand die Seele von Muḥammad ist und dafür stehe ich fest: 
(1.) Das Vermögen von dem, was ihr an Spenden spendet nimmt nicht ab. 
(2.) Keiner verzeiht einer Ungerechtigkeit mit dem Verlangen nach dem Angesicht Allāhs, außer dass Allāh ihn dadurch erhöht. 
(Anderer Wortlaut) …außer dass Allāh seine Ehre am Jüngsten Tag vermehrt. 
(3.) Kein Diener macht die Tür der Fragerei auf, außer dass Allāh die Tür der Armut für ihn öffnet.“ [Überliefert bei Musnad Aḥmad]

Der dritte Punkt in dieser Überlieferung beinhaltet den Grundgedanken. Die Fragerei bedeutet, dass man unnötige Dinge erfragt oder Menschen mit ständigen Fragen belästigt. Sinnvolle Fragen sind davon nicht betroffen. Es geht hierbei eher um die Einstellung. Wenn der Diener sich ständig abhängig macht von den Menschen, indem er bei all seinen Bedürfnissen zu ihnen geht, verliert er die Fähigkeit, eigenständig zu streben. Er macht sich automatisch abhängig von den Menschen, indem er es sich zur Gewohnheit macht, bei all seinen Fragen, Wünschen und Verlangen zu den Menschen zu gehen, statt innezuhalten und zu schauen, ob er nicht einen eigenen Weg zur Lösung seiner Probleme finden kann. Dieses Fehlverhalten kann letztendlich zur Lähmung und Unfähigkeit führen und im Endeffekt zur Aufgabe des eigenen Antriebs und der eigenen Identität. Man wird somit zum Sklaven und unterwirft sich den Geschöpfen.

Allāh, Erhaben ist Er und vollkommen ist Seine Huld und Gnade, hat nicht den Wunsch, dass wir abhängig von Seinen Geschöpfen werden. Vielmehr möchte Er, dass wir die einzig wahre und tatsächliche Abhängigkeit, also die Abhängigkeit zu Ihm, begreifen. Deshalb zielt dieser Grundgedanke darauf hin, durch das Bewusstsein über diese Abhängigkeit zu Allāh, die Abhängigkeit zu den Geschöpfen zu verlieren und somit Unabhängig durch Allāh zu werden.

Die Prinzipien


Die Prinzipien sind konkrete Anweisungen oder Regeln, die der Diener einhalten und berücksichtigen muss, um auf der Grundlage dieser Grundgedanken ein richtiges Verständnis und einen richtigen Maßstab zu entwickeln. Jedes Prinzip hat eine Prämisse (Annahme), die sich der Diener vor Augen behalten muss. Viele der Prinzipien sind auch in der Geschichte von Mūsā, Allāhs Friede auf ihm, zu finden. Die Ereignisse sollen hier kurz erwähnt werden.

1. Die Fragerei meiden


Anschließend an die oben erwähnte Überlieferung muss dieses Prinzip nun ausgeführt werden. Der Prophet, Allāhs Friede und Segen auf ihm, berichtet uns, dass Allāh die Tür der Armut für einen Diener aufmacht, wenn er sich durch seine unnötige Fragerei den Menschen unterwirft. Wenn man die Rechnung aber umdreht, hieße es, dass Allāh die Tür der Armut geschlossen hält, wenn man darauf achtet, den Menschen nicht zur Last zu werden und sich ihnen nicht unterwirft durch ständiges Verlangen.

Der Diener muss daher das Bewusstsein entwickeln, sich davor zu schämen, Dinge zu erfragen. Allāh, der Erhabene und Allgnädige, beschreibt diese Eigenschaft bei den Armen:
"Für die Armen, die auf dem Wege Allāhs gehindert werden, sich frei auf der Erde zu bewegen. Der Unwissende denkt, dass sie reich sind, aufgrund ihrer Zurückhaltung. Du erkennst sie an ihren Merkmalen; sie fragen die Menschen nicht nach ihren Verlangen." (Sūrah al-Baqara - Vers 273)

Sogar wenn man bedürftig ist und an der Grenze zwischen Armut und Versorgung steht, sollte man diese Haltung einnehmen. Der Grund ist auch aus diesem Prinzip ersichtlich. Es ist das Vertrauen darauf, dass Allāh sich um das Bedürfnis des Dieners kümmert, wenn man sich davor zurückhält, die Menschen zu fragen.

Annahme: Wenn ich die Tür der Fragerei geschlossen halte, um den Menschen nicht zur Last zu fallen und gleichzeitig so unabhängig von ihnen zu sein versuche, bewahrt mich Allāh vor der Abhängigkeit von ihnen und lässt die Tür der Armut, die mich dazu zwingen könnte, zu ihren Türen zu gehen, geschlossen. Ich versuche daher die Dinge, die ich selber erledigen kann, anderen nicht aufzulasten.

Der Prophet Mūsā floh aus Ägypten, weil er dort aufgrund eines unabsichtlichen Mordes gesucht wurde. Er floh ohne Proviant in die Wüste, in der er nie zuvor war und wanderte um die acht Tage hungernd umher und ernährte sich bloß von Blättern. Nach einer Zeit kam er an der Wasserstelle von Madyan an und fand eine Herde, die zum Trinken hergebracht wurde. Etwas weiter hinten standen zwei Frauen mit ihren Tieren. Da das Tränken von Tieren eine reine Männerarbeit war, ging Mūsā zu ihnen und fragte, warum sie hier seien. Sie sagten, dass sie ihre Tiere erst dann tränken wollen, wenn die Männer mit ihren Tieren davon gezogen sind und sie dies erledigen müssen, weil ihr Vater ein alter Mann ist, der dazu nicht mehr in der Lage ist. Mūsā nahm die Tiere, tränkte sie und gab sie den Frauen zurück und schickte sie weg. Dann ging er unter den Schatten eines Baumes und sprach das Bittgebet: "O Herr, was du mir an Gutem herabsendest, dessen bin ich bedürftig." Im Lauf der Zeit kam einer der Frauen zu Mūsā und lud ihn ein, damit ihr Vater ihn für seine Arbeit belohnen kann. Er ging zu ihrem Vater, erzählte seine Situation und bekam das Angebot, 8-10 Jahre dort zu arbeiten und einer seiner beiden Töchter zu heiraten. (Ausführlichere Darstellung in Sūrah al-Qaṣaṣ, Verse 1-28)

Wichtig hierbei sind folgende Punkte, die auch bei den späteren Prinzipien von Bedeutung sind: 
1. Mūsā, Allāhs Friede auf ihm, kam an der Wasserstelle an und fragte niemanden nach Essen oder etwas anderes, obwohl er klar in einer Notsituation war.
2. Er sah eine Situation, die nicht gepasst hat und hat etwas unternommen, um etwas gerade zu stellen.
3. Nachdem er den Frauen geholfen hat, hat er von ihnen weder Geld noch Essen verlangt. Stattdessen schickte er sie weg und bat Allāh um das Gute, ohne es zu definieren.

Der Diener sollte daher die Dinge, die er selber erledigen kann, sei es auch nur eine Kleinigkeit, selber erledigen und andere nicht aus Gemütlichkeit darum bitten.

2. Die Angebote des Schicksals wahrnehmen


Aus der Geschichte von Mūsā geht das nächste Prinzip hervor. Es geht um die Art und Weise, wie der Diener mit Allāh eine Art Handel betreibt. Als Mūsā Ägypten verlassen hatte, sprach er ein Bittgebet um Rettung. Und als er in der Wüste umher ging, hoffte er von Allāh die Weisung/Führung. Auf das Bittgebet und die Erwartung folgte eine Aufgabe, wo er seine Kraft und seine Energie investiert hat, um anschließend unter dem Baum mit Allāh "abzurechnen", indem er sein Bedürfnis bescheiden zum Ausdruck brachte.

Daraus folgt das zweite Prinzip: Um das Gute zu erlangen und um das zu erlangen, was Allāh Seinen Dienern versprochen hat, muss man bereit sein, sich selbst für Allāh abzumühen. Daher muss der Diener jede Aufgabe und jede Einladung zum Guten wahrnehmen, wenn sie für ihn auf seinem Schicksalsweg positioniert wurde. Denn die Aufgaben, die auf den Weg gelegt werden, sind nicht durch uns selber bestimmt worden. Wenn Allāh somit eine Gelegenheit auf den Lebensweg des Dieners legt, dann ist das wie eine individuelle Verpflichtung, die zuerst erfüllt werden muss, bevor Allāh dadurch eine Tür zum Guten eröffnet.

Es ist wichtig, dass man in Anbetracht dieses Prinzip niemals nein sagt bzw. sehr gut überlegt, bevor man nein zu einer Aufgabe oder Einladung des Schicksals sagt. Jedes Nein kann Grund dafür sein, dass eine Tür zum Guten geschlossen bleibt.

Annahme: Ich investiere meine Kraft und Energie in eine für mich bestimmte Aufgabe im Schicksal und erwarte von Allāh eine Rückwirkung.

Es gibt zahlreiche Überlieferungen, in denen der Prophet, Allāhs Friede und Segen auf ihm, immer wieder betont, dass Allāh seinem Diener hilft, wenn der Diener seinen Brüdern hilft. Dass Allāh die Fehler bedeckt, wenn der Diener die Fehler seiner Brüder bedeckt. Diese und solcherlei vieler Überlieferungen deuten darauf hin, dass die Einsätze für die Glaubensgeschwister in gleicher und/oder besserer Form auf einen wieder zurückkommen werden.

3. Die Erwartungen anpassen


Allāh, der Erhabene und Vollkommene, beschreibt die Einstellung derjenigen, die auf Seinem Wege spenden wie folgt:

"Und sie speisen, trotz der Liebe zu dem (was sie zu speisen geben), die Bedürftigen, die Weisen und die Gefangenen. 'Wahrlich, wir speisen euch nur um Allāhs Angesicht. Wir möchten von euch weder Lohn noch Dank.'" (Sūrah al-Insān - Verse 8-9)

Der Prophet, Allāhs Friede und Segen auf ihm, sagte:
"Kein Lohn für denjenigen, der (den Lohn) nicht erwartet." [Überliefert bei al-Bayhaqī]
Al-Munāwī kommentierte den Hadīṯ folgendermaßen: "D.h. kein Lohn für denjenigen, der mit seiner Tat nicht beabsichtigt hat, Allāhs Angelegenheit zu erfüllen."

Es ist wichtig, dass der Diener bei seinen guten Taten nur von Allāh einen Lohn erwartet, weil er sonst der Gefahr ausläuft, den Lohn seiner guten Tat zu verderben. Es ist genau so wichtig, dessen bewusst zu werden, dass das Erwarten von Allāh, dass Er Seine Versprechen einhalten wird, mit Gewissheit auch zu einem Resultat führen wird.

Allāh, voller Gnade und Huld ist Er, sagt:

"Das Versprechen Allāhs! Allāh bricht Sein Versprechen nicht; doch die meisten Menschen wissen es nicht." (Sūrah ar-Rūm - Vers 6)

Wenn man also berechtigt etwas von Allāh erwartet, ist es auch somit garantiert, dass Er dieser Erwartung auf beste Art und Weise gerecht wird. 
Diese Einstellung beinhaltet sehr sehr viele Vorteile für das eigene Wohlbefinden. Darunter:
1. Dadurch, dass man von den Menschen keinen Dank oder Lohn erwartet, ist ihre Reaktion auf eine gute Tat gleichgültig. Man wird nicht enttäuscht, weil man keine Gegenleistung erwartet.
2. Man fängt an, den Menschen gerne zu helfen, weil man weiß, dass man von Allāh eine gute Gegenleistung erwarten kann.
3. Die Menschen werden nicht mehr als Individuen relevant. In Bezug auf das zweite Prinzip heißt das, dass man die Menschen nur noch als Gelegenheit ansieht, seine Kraft und Energie in das Schicksal zu investieren. Man sieht die Menschen nur noch als Zugangstor für diesen Einsatz und rechnet nur noch mit Allāh ab. Dadurch ist man stets motiviert, den Menschen zu helfen.

Annahme: Allāh kümmert sich um alles auf dieser Welt und ich erstrebe einzig Sein Angesicht. Daher darf ich nichts bzw. nur wenig von seinen Geschöpfen erwarten und muss meine Erwartungen auf Ihn verlagern (insbesondere wenn es um gute Taten geht, da ich hierbei nur von Ihm den Lohn erwarten darf). Wenn ich etwas Gutes tue, ist das Vorhandensein oder das Fehlen der Anerkennung der Menschen absolut gleichgültig.

4. Bittgebete allgemein sprechen


Aus der erwähnten Geschichte von Mūsā, Allāhs Friede auf ihm, geht auch dieses Prinzip hervor. Wir sehen, dass er trotz klarer Bedürfnisse (wie Hunger oder Orientierungslosigkeit) unter dem Baum lediglich um das Gute bat. Er definierte das Gute nicht in Form einer spezifischen Gabe. Das ist eine Eigenschaft, die wir bei vielen Bittgebeten der Propheten sehen können und es so erklärt wird, dass die Propheten sich davor geschämt haben, etwas Konkretes für sich selber zu erbitten. Der Gedanke hierbei ist, dass das Konkrete bzw. Spezifische nicht unbedingt gut für einen selbst sein muss. Daher ist man bescheiden und schränkt das Gute nicht auf die eigenen Vorstellungen ein, sondern überlässt Allāh die Bestimmung des Guten. Des Weiteren kann man natürlich um alle Dinge bitten, die klar und deutlich gut sind, wie das Paradies, die Rechtleitung usw.

Annahme: Das Spezifische auf dieser Welt kann gut als auch schlecht für mich sein. Daher maße ich mir nicht an, zu definieren, was gut für mich sein könnte und überlasse die Konkretisierung des Guten Allāh und bitte nur um allgemeine und absolut gute Sachen.

5. Die Versprechen Allāhs beobachten


Aus der Geschichte von Mūsā, Allāhs Friede auf ihm, können wir auch dieses Prinzip entnehmen. Allāh verspricht etwas und erfüllt Seine Versprechen auch, um die Gewissheit und Ruhe im Herzen des Gläubigen zu steigern.

Als Mūsā neu geboren wurde, wurde vom Pharao aufgrund einer Prophezeiung eines Wahrsagers bestimmt, dass alle männlichen Neugeborenen aus dem Stamm Banī Isrāʾīl nach der Geburt getötet werden sollen. Allāh gab der Mutter von Mūsā ein, dass sie Mūsā in den Fluss legen soll und dass Er Mūsa wieder zurückbringen und zu einem Propheten machen wird. Die Mutter tat dies, war jedoch voller Sorge und befahl daher ihrer Tochter, dass sie Mūsā verfolgen soll, um zu schauen, dass er irgendwo in sichere Hände gelangt. Die Frau des Pharaos fand Mūsā und schlug vor, ihn zum Sohn zu nehmen. Der Pharao stimmte zu, jedoch brauchte Mūsā noch eine Milchmutter. Allāh ließ es nicht zu, dass er die Milch von anderen Frauen annahm. So kam die Schwester und erklärte ihnen, dass sie eine Familie kennt, die ihn stillen kann und verwies auf die Mutter von Mūsā.

Allāh, der Erhabene und Gnädige, sagt dazu:

"Dann gaben Wir ihn seiner Mutter zurück, damit ihr Auge mit Freude erfüllt würde und damit sie sich nicht grämte und damit sie wissen sollte, dass Allāhs Versprechen wahr ist. Jedoch die meisten von ihnen wissen es nicht." (Sūrah al-Qaṣaṣ - Vers 13)

Allāh erfüllt seine Versprechen und steigert somit die Ruhe und die Gewissheit in den Herzen der Gläubigen. Diesen Prozess sehen wir bei Mūsā selber, als er zum Propheten berufen wurde.

Am Anfang seiner Berufung ereignet sich die Geschichte wie folgt:
"Und da rief dein Herr zu Mūsā: 'Geh zu dem Volk der Ungerechten, dem Volke Pharaos. Wollen sie denn nicht gottesfürchtig sein?' Er sagte: 'Mein Herr, ich fürchte, sie werden mich der Lüge bezichtigen, und meine Brust wird beklemmt, und meine Zunge versagt zu sprechen. Schicke darum (auch) zu Hārūn. Auch haben sie eine Schuldklage gegen mich erhoben, deshalb fürchte ich, dass sie mich umbringen werden.' Er sprach: 'Keineswegs! Geht nur beide mit Unseren Zeichen hin. Wir sind mit euch; Wir werden mit euch zuhören.'" (Sūrah aš-Šuʿarāʾ - Verse 10-15)

Nachdem Mūsā seine Botschaft überbracht hat und viele Jahre in Ägypten versucht hat, zur Wahrheit zu rufen und Allāh viele klare und deutliche Zeichen und Katastrophen über Ägypten ziehen ließ, hat Mūsā die Macht und Kraft Allāhs immer wieder in klarer Form zu sehen bekommen und seine Gewissheit und seine Sicherheit in Allāh sind somit gestiegen. Bis zum Tag, wo Allāh den Befehl erteilt hat, dass Mūsā mit dem Stamm Banī Isrāʾīl in der Nacht ausziehen soll und Pharao sie am Morgen mit seiner Armee dann verfolgte, bis er sie am Meer eingeholt hat.

"Als die beiden Scharen einander ansichtig wurden, sagten die Gefährten Mūsās: 'Wir werden sicher eingeholt werden.' Er sagte: 'Keineswegs! Mein Herr ist mit mir. Er wird mich richtig führen.' Darauf offenbarten Wir Mūsā: 'Schlage das Meer mit deinem Stock.' Und es teilte sich, und jeder Teil erhob sich wie ein gewaltiger Berg.' Und Wir ließen alsdann die anderen nahe herankommen. Und Wir erretteten Mūsā und alle, die mit ihm waren. Dann ertränkten Wir die anderen." (Sūrah aš-Šuʿarāʾ -  Verse 61-66)

Während Mūsā am Anfang seiner Berufung noch voller Ängste und Zweifel war, und Allāh ihn mit dem deutlichen Ausruf "Keineswegs!" besänftigte, ist er am Ende derjenige, der sein Volk mit demselben Ausruf besänftigt. Die Jahre, in denen er somit beobachten konnte, wie das Versprechen Allāhs in Erfüllung geht, haben sein Herz gefestigt und seine Gewissheit gesteigert. Daher sagen die Gelehrten, dass alle Propheten diese Stufen der Gewissheit aufsteigen und mit einer vollkommenen und edlen Stufe dann von dieser Welt gehen.

Annahme: Wer immer wieder sieht, dass Allāhs Versprechen erfüllt werden, dessen Glaube und Gewissheit nehmen zu.

Daher muss der Diener immer genau beobachten und realisieren, wie Allāh Seine Versprechen einhält und verwirklicht, damit er staunen und Allāhs Plan bewundern kann, damit die Herzen in ihrer Festigkeit zunehmen und die Gewissheit steigen kann.

Allāh, der Erhabene, sagt daher:
"...und was die Gnade deines Herrn angeht, so erzähle davon.“ (Sūrah aḍ-Ḍuḥā - Vers 11)

Der Diener muss und soll nicht nur sein eigenes Leben beobachten, sondern soll sich austauschen und anderen seine Eindrücke von Allāhs Planmäßigkeit erzählen und auch von den Ereignissen um ihn herum lernen. Wenn die Gläubigen untereinander darauf aufmerksam machen, wie Allāh die Dinge einrichtet, entsteht eine kollektiver Anstieg dieser Herzensruhe und des Vertrauens auf Allāh.

6. Sich nicht beschweren


Wenn es um Sorgen und Not geht, so ist auch hier einzig und allein die Tür unseres Herrn zu ersuchen.

Allāh, der Weise und Vollkommene, erzählt uns von den Worten Yaʿqūbs, Allāhs Friede auf ihm:

"Er (Yaʿqūb) sagte: 'Ich beklage nur meinen Kummer und meinen Gram vor Allah, und ich weiß von Allah, was ihr nicht wisset.'“ (Sūrah Yūsuf - Vers 86)

Ibn Qayyim al-Ǧawziyya sagte: „Die Geduld ist das Zurückhalten der Zunge im Beschweren bei jemand anderen außer bei Allāh.“ [ʿUddat aṣ-Ṣābirīn]

Die sinnlose Beschwerde und das Klagen bei anderen außer bei Allāh führt dazu, dass Allāh sich dem Problem nicht zuwendet. Das liegt auch auf der Hand, weil man einfach sein Problem nach außen verlagert. Hierunter fallen natürlich nicht die sinnvollen Beschwerden, wenn man zu einem Gericht geht oder etwas bewegen möchte mit der Beschwerde. Es geht hier um das Jammern und das Klagen oder was man auch als "Luft-Rauslassen" bezeichnet. Man will einfach irgendwie irgendjemandem seine Sorgen erzählen und macht damit das Problem nicht besser. Dadurch, dass man die Lösung bei den Geschöpfen sucht, obwohl es auf der Hand liegt, dass sie für dieses gewisse Problem keine Lösung haben werden, führt dazu, dass Allāh sich diesem Problem nicht widmet und den Diener damit allein lässt.

Die Negativität wird durch die Beschwerden aufrecht erhalten und das Herz wird erneut immer wieder an das Negative erinnert. Somit weilt das Problem unnötig lange und man lässt eine alte Wunde niemals richtig verheilen.

Annahme: Wenn ich mich nicht beschwere und ruhig und geduldig den Kopf vor der Bestimmung Allāhs senke, werde ich zum rechten Zeitpunkt eine Lösung durch Allāh bekommen.

7. Sich nicht selbst darstellen bzw. profilieren


Unter den Stamm Banī Isrāʾīl gab es einen reichen Mann namens Qārūn, welcher sich hochmütig mit seinen Reichtümern darstellte und von sich behauptete, dass er das alles durch sein Wissen erlangt hat.

"Er (Qārūn) sagte: 'Es (der Reichtum) wurde mir nur um des Wissens willen, das ich besitze, gegeben.' (Vers 78) [...]
Dann ließen Wir ihn von der Erde verschlingen, und (auch) sein Haus; und er hatte keine Schar, die ihm gegen Allāh helfen konnte, noch konnte er sich (selbst) retten. Und jene, die sich noch tags zuvor an seine Stelle gewünscht hatten, sagten: 'Ah sieh! Es ist wahrlich Allāh, Der denen von Seinen Dienern die Mittel zum Unterhalt erweitert und beschränkt, denen Er will. Wäre uns Allāh nicht Gnädig gewesen, hätte Er uns (von der Erde) verschlingen lassen. Ah sieh! Die Ungläubigen (Verleugner) haben nie Erfolg.' Jene Wohnstatt im Jenseits! Wir geben sie denen, die weder Selbsterhöhung auf Erden noch irgendein (anderes) Verderbnis begehren. Und der Ausgang ist für die Gottesfürchtigen. Wer Gutes vollbringt, soll Besseres als das erhalten; wer jedoch eine böse Tat vollbringt - jene, die böse Werke tun, sollen nur gemäß dem belohnt werden, was sie getan haben. (Sūrah al-Qaṣaṣ, Verse 81-84)

Qārūn hat also den Fehler gemacht, dass er prahlerisch war und gedacht hat, dass er selber die Quelle seines Vermögens sei. Er hat somit Allāh als den Bewirker und als Quelle jeder Kraft, Macht und Mittel verleugnet. Daher ist es von wichtiger Bedeutung, dass der Diener begreift, dass er nicht die Wirkung erzeugen kann und das dies einzig in Allāhs Hand liegt. Der Mensch kann nur seinen Willen aufbringen, etwas zu leisten. Ob diese Sache aber zum Erfolg führt oder nicht, liegt nicht in seiner Hand.


Und Allāh, der Erhabene, erzählt von den Worten, die Šuʿayb, Allāhs Friede auf ihm, äußerte:"
Und ich habe keinen Erfolg, außer durch Allāh. Auf Ihn verlasse ich mich und wende mich Ihm zu.“ (Sūrah Hūd - Vers 88) 

Und an einer anderen Stelle heißt es:
"Nicht ihr habt sie getötet, sondern Allāh tötete sie. Und nicht du hast (den Pfeil) abgeschossen, sondern Allāh gab den Schuss ab; und prüfen wollte Er die Gläubigen mit einer schönen Prüfung von Ihm. Wahrlich, Allah ist Allhörend, Allwissend." (Sūrah al-Anfāl - Vers 17)

Annahme: Allāh ist derjenige, der alle Wirkung zustande bringt. Es bringt daher nichts, mich selbst in den Vordergrund zu bringen, als ob meine Person eine Wirkung verursachen könnte. Die Herzen liegen in Allāhs Hand und auch die Wirkung und das Verhältnis aller Dinge zueinander kommen nur durch Seine Bestimmung zustande. Ich muss lediglich bereit sein, die Dinge zu erledigen und ihnen gerecht zu werden.

8. Die Verantwortungen meiden


ʿAbdurraḥman ibn Samura überliefert, dass der Prophet, Allāhs Friede und Segen auf ihm, zu ihm sagte: „Frage nicht nach der Führung. Wenn du es durch die Fragerei bekommst, wirst du dafür verantwortlich sein. Wenn du es nicht durch das Fragen bekommen hast, wird dir dabei geholfen.“ [Bei Buḫārī überliefert]

Die Erklärung dieser Überlieferung liegt in der Einstellung der Menschen. Bittet man um eine Position und kommt in Schwierigkeiten, werden die Menschen erwidern, dass man doch selber an diese Position wollte. Wenn man aber in eine Position gebeten wird, werden bei Schwierigkeiten all diejenigen, die einen in diese Position bringen wollten, bereit zur Untersützung sein.

Der Muslim sollte nicht nach Verantwortungen suchen, denn jede Verantwortung ist eine weitere Last am Jüngsten Tag, nach der man gefragt werden wird. Daher belastet sich der Diener nicht mit unnötigen Aufgaben, sondern schaut, ob die Verantwortungen für ihn bestimmt sind. Entweder wird er dazu aufgefordert bzw. darum gebeten, oder er findet eine Situation, in der er sich selbst einbinden muss, weil er einer Verantwortung gewachsen ist und dafür die notwendigen Qualifikationen besitzt. Aber aktiv nach Verantwortung oder Stellung zu streben, ist eine Sache, die der schlaue Diener meiden muss.

Annahme: Ich belaste mich nicht unnötig mit Verantwortungen, über die mich Allāh am Jüngsten Tag befragen wird. Wenn Allāh mir aber eine Aufgabe auferlegt, so muss ich diese wahrnehmen und ausführen und erwarte auch Seine Hilfe und Unterstützung, da Er mich dafür ausgewählt hat.

9. Den Prinzipien treu sein


Da die Grundidee dieser ganzen Prinzipien darauf aufbaut, dass man seine Abhängigkeit von Allāh begreift und sich von den Geschöpfen unabhängig macht, bedarf es hierbei einer strengen Prinzipientreue. Denn es kann nicht sein, dass man für Allāh gewisse Prinzipien einhält, aber in der Anwesenheit von Person X oder der Umgebung Y anfängt diese nicht mehr einzuhalten. Daher müssen die Prinzipien ganzheitlich gelebt und begriffen werden. Anhand der Einflüsse der Personen oder Umgebungen kann der Diener schauen, ob diese Person oder diese Umgebung ihm bei dem Streben nach Allāhs Nähe zu einem Hindernis oder zu einer Bremse werden. Wenn sich dies herausstellt, kann der Diener Maßnahmen ergreifen, um eine bestmögliche Distanz zu diesen Personen oder Umgebungen aufzubauen. Andernfalls muss er sein Verhältnis zu dieser Person oder dieser Umgebung anpassen, damit er seinen Prinzipien treu sein kann, ohne diese Person oder Umgebung ganz zu beseitigen, weil das auch nicht immer realisierbar ist.


Zusammenfassung der Prinzipien


1. Fragerei meiden und somit eigenständig/selbstständig sein 
2. In das Schicksal investieren, indem man die Aufgaben wahrnimmt 
3. Resultate nur von Allāh erwarten 
4. Allgemein Gutes erbitten und offen sein für die Konkretisierung 
5. Allāhs Versprechen beobachten und ihre Erfüllung reflektieren 
6. Sich nicht beschweren | geduldig und dankbar sein 
7. Keine Selbstdarstellung oder Profilierung 
8. Verantwortungen meiden, bis sie schicksalhaft für einen bestimmt werden 
9. Prinzipientreu sein

Mit diesen Prinzipien soll eine Art Leitfaden ermöglicht werden, an dem sich der Diener orientieren kann, um eine Verbesserung seiner Beziehung zu Allāh zu erreichen. Sie sollen dazu dienen, dass das Bewusstsein über das Vertrauen auf Allāh deutlicher werden soll und dass man auch durch gewisse Regeln weiß, wie man seinen Teil als Diener erfüllen muss, um von Allāh eine Gegenleistung oder Reaktion zu erwarten.

Ich bitte Allāh dieses Werk zu segnen und vielen Menschen zugänglich zu machen. Ich habe persönlich sehr viel Zuversicht in diese Prinzipien und habe diese durch Erproben und Beobachten klar und deutlich immer wieder bestätigt bekommen. Daher erhoffe ich, dass der Inhalt dieses Artikels allen ersichtlich wird und es mit Allāhs Hilfe und Erfolg auch dazu dient, zur Handlung und zur Umsetzung anzuregen.

Freitag, 8. Dezember 2017

Echte Probleme. Falsche Lösungen.

In diesem Beitrag möchte ich über ein allgemeines Problem reden. Bei diesem Problem geht es um Probleme selbst und wie die Menschen es nicht schaffen, ihre Probleme zu meistern, weil sie davor fliehen oder die Energien, die uns unser Schöpfer zur Verfügung gestellt hat, verschwenden und in falsche Dinge oder Lebensbereiche stecken.

Das Muster, über das ich sprechen möchte, lautet negative Konditionierung. Es ist das Verhalten, sich selbst durch Gewohnheit Handlungen oder Mittel anzugewöhnen, zu denen man neigt, wenn negative Zustände eintreten.

So sagt der Dichter:

Es gibt einem zu verstehen,
welche Umstände bestehen,
wenn man seine Mittel sieht,
zu denen man bei Trauer flieht.


Die menschliche Psyche funktioniert so, dass sie gerne Muster entdeckt und entwickelt, damit sie darauf zugreifen kann, um sich Denk- und Lösungsprozesse zu vereinfachen.

Durch die wiederholte Ausführung eines Verhaltens auf einen Zustand, kann man sich selbst konditionieren. Das heißt, dass man sich selbst eine Lösung oder eine Reaktion beibringt, die man in Folge eines eintretenden Zustandes ausführt.

Diese Reaktionen sind oft belohnende und positive Handlungen, die unmittelbar und auf hormoneller Basis durch Glückshormone (durch Ausschüttung von Dopamin und Endorphinen) das Problem psychisch mildern oder einem das Gefühl geben, als ob sie damit das Problem mildern würden.
Hieraus kann man sich schon ungefähr das Muster von Suchtkrankheiten entnehmen, bei denen Menschen süchtig nach etwas werden, was sie zu oft in Folge von allen möglichen Zuständen ausgeführt haben.

Daher werden diese Mittel, die diese Glückshormone hervorrufen auch oft ungewollt als Allzwecklösungen missbraucht, bis man sich dazu konditioniert, auf diese Mittel zuzugreifen, sobald man nur irgend einen Ansatz von psychischer Belastung empfindet.

Klassische Suchtmittel, die in der Suchtbehandlung gängig vorkommen, sind beispielsweise:

• Alkohol
• Zigaretten / Shisha 
• Alle anderen Arten von Rauschmitteln, die man als Drogen bezeichnet (Alkohol und Zigaretten gehören auch dazu, aber werden gesellschaftlich gesondert betrachtet)
• Sexuelle Stimulation: Geschlechtsverkehr, Pornografie, Masturbation
• Konsum von stark zuckrigen oder fettreichen Lebensmitteln, welche ebenfalls Glückshormone ausschütten
• Konsum von Medien (Alle Formen von Social Media Plattformen)
• Individuelle positive Reize, entsprechend dem, woran man selber einen positiven Bezug entwickelt hat

All diese Mittel können genutzt werden, um negative Belastung, wie Stress, Müdigkeit, Hunger, Kummer, Wut usw. zu "überschütten". Wenn man dies zur Gewohnheit gemacht hat, erzeugt der Körper ein Reiz-Reaktions-Muster, welches man als Konditionierung bezeichnet. Man hat sich selbst negativ konditioniert. Negativ, weil man diese positiven Hormonausschüttungen in Folge von negativen Zuständen hervorrufen möchte.

Nun folgt das Gehirn diesen Mustern, umso häufiger man sie ausübt. Sobald man sich an ein Muster fixiert hat, folgt auf eine jede negative Stimmung der Wunsch, auf diese Mittel zuzugreifen. Jetzt kommt ein weiteres Problem hinzu. Denn das Gehirn entwickelt sich mit und je häufiger man seine neuronale Struktur mit diesen Verhaltensmustern stimuliert und "belohnt", umso häufiger und heftiger möchte das Gehirn die nächste Ausschüttung erleben. Daher ensteht ein Steigerungsdrang. Das Gehirn möchte, dass man die Aktivität oder die Menge, mit der man sich "belohnt" steigert oder vermehrt und so kommt es zu exzessiver Ausprägung einer Sucht. Man erhöht die Anzahl der Zigaretten am Tag oder konsumiert immer mehr Süßigkeiten, wenn ein negatives Gefühl aufkommt.

Wie wirkt sich das auf das Leben aus? 

Erstens: Es ist ein schrecklicher Teufelskreis, der einen davon abhält, tatsächliche Lösungen für die Ursachen der negativen Gefühle zu finden. Man polarisiert oder verlagert die Lösung der Probleme nämlich auf Mittel, die das Problem nur übertönen, aber nicht wirklich lösen.

Zweitens: Kontrollverlust. Man verliert die Fähigkeit, sich selbst zu beherrschen oder zu disziplinieren und so ist man nicht in der Lage, andere Lebensbereiche ausreichend zu meistern.

Drittens: Insbesondere bei den sexuellen Stimulationen und Rauschzuständen (da auf diese Erschöpfung folgt) kommt es zu Energieverlust. Die körperlich biologisch vorgesehene Energie, die zur natürlichen Paarung und Pflege einer Familienbeziehung oder Ehe gedacht ist, wird verschwendet. So zeigt sich bei Betroffenen von Pornografiesucht häufig die Schwäche in der Erhaltung von Beziehungen in ehelichen als auch in nichtehelichen Verhältnissen (Freundschafts-, Familien und Bekanntenbeziehungen). Mangel an sozialer Kompetenz und anderen gesellschaftlichen Qualitäten.

Es ist daher eine bekannte Sache in der Prävention und Bekämpfung von Suchtkrankheiten, dass diese umso schwerer zu lösen sind, je weiter man darin verwickelt ist. Und gleichzeitig liegt die Lösung nicht in einer äußeren Instanz, sondern nur bei einem selbst. Denn der Betroffene muss sein Gehirn neu "polen" bzw. ausrichten und die frühere Konditionierung durch Entwöhnung beseitigen. Dies dauert oft lange Perioden der Enthaltsamkeit den Suchtmitteln gegenüber. Und wenn dies nicht durch Einsicht und eigenständige Disziplin gelingt, wird der Betroffene sich nicht aus diesem tiefen Graben herausholen können.

Daher müssen Suchtkrankheiten durch motivierende Instanzen und guter Beratschlagung begleitet werden. Es bedarf einer großen Menge Motivation durch den Betroffenen und einer im besten Fall beratschlagenden und beaufsichtigenden Instanz.

Dieses Thema ist sehr wichtig, da die oben beschriebene Realität leider sehr viele Muslime betrifft und viele entweder ihre Probleme nicht als Probleme wahrnehmen wollen/können oder sich nicht trauen, Hilfe zu ersuchen. Es ist keine Schande, bei solchen Problemen professionelle Hilfe zu ersuchen, auch wenn man dabei von Nichtmuslimen behandelt wird.

Möge Allāh uns davor bewahren, unsere Probleme mit Suchtmitteln zu verdrängen und möge Er uns helfen, unsere Probleme auf richtige Art und Weisen zu lösen. Āmīn

Donnerstag, 16. November 2017

Die Unabhängigkeit von den Geschöpfen

Der Muslim, der an den Jüngsten Tag glaubt und auch versucht, sein Leben mit dem Bewusstsein zu gestalten, dass er eines Tages sterben wird und am Jüngsten Tag für seine Taten gerade stehen muss, wird einiges im Laufe seines Lebens erkennen, was seine Haltung den Geschöpfen gegenüber anbelangt.

Allāh, alles Preis und Lob gebührt Seiner, sagt im Qurʾān:

"Und ein jeder von ihnen wird am Jüngsten Tag alleine zu Ihm kommen." (Sūrah Maryam - Vers 95)

"Am Tage, da der Himmel wie geschmolzenes Metall sein wird, und die Berge wie farbige Wollflocken, und ein Freund nicht mehr nach einem Freunde fragen wird, werden sie in Sichtweite zueinander gebracht werden, und der Schuldige würde sich wohl von der Strafe jenes Tages loskaufen wollen mit seinen Kindern und seiner Frau und seinem Bruder und seiner Verwandtschaft, die ihn beherbergt hat, und allen, die insgesamt auf Erden sind, wenn es ihn nur retten könnte." (Sūrah al-Maʿāriǧ - Verse 8-14)

"Doch wenn das betäubende Getöse kommt am Tage, da der Mensch seinen Bruder fluchtartig verlässt, sowie seine Mutter und seinen Vater und seine Frau und seine Söhne, an jenem Tage wird jeder eigene Sorgen genug haben, die ihn beschäftigen." (Sūrah Abasa - Verse 33-37)

Es ist somit ersichtlich, dass der Mensch am Jüngsten Tag einzig und allein seine eigenen Sorgen tragen wird. Diese Tatsache beinhaltet einige Weisheiten und Erkenntnisse, die in diesem Artikel genauer verdeutlicht werden sollen.

Wenn wir nun alleine dastehen werden und nichts und niemand uns einen Nutzen bringen kann, dann müssen wir uns fragen, was uns das in unserer Beziehung zu den Geschöpfen im Diesseits lehren könnte. 

Allāh, erhaben und alles Lobes würdig ist Er, sagt im Qurʾān:

"(Er ist derjenige,) der den Tod und das Leben erschaffen hat, auf dass Er euch prüfe, wer von euch die besseren Taten verrichte; und Er ist der Erhabene, der Allvergebende." (Sūrah al-Mulk - Vers 2)

"Wahrlich, diejenigen, die sagen: 'Unser Herr ist Allāh', und die sich dann aufrichtig verhalten - zu ihnen steigen die Engel nieder (und sprechen): 'Fürchtet euch nicht und seid nicht traurig, und erfreut euch des Paradieses, das euch versprochen wurde.'" (Sūrah Fuṣṣilat - Vers 30)

Der Mensch hat die Aufgabe, durch Taten und durch Aufrichtigkeit seine Dienerschaft und seine Liebe und Hingabe dem Herrn der Welten gegenüber, der uns alles Leben und Möglichkeiten gab, unter Beweis zu stellen. Wenn der Anfang aller Dinge und das Ende aller Dinge unser Herr ist, dann liegt es auf der Hand, dass Er der einzige Fokus der Dinge sein darf. Alles andere, sei es Besitz, Familie, Ansehen, Stellung usw. sind rein funktionaler Natur und dürfen ihre Rolle als Funktionalität nicht verlassen. Sie sollen uns dabei als geistige und praktische Mittel zur Verfügung stehen, damit wir diesem Ziel nachgehen können. Jeder arbeitet für sich individuell an einem guten Ende und an einer günstigen Position am Jüngsten Tag. Dabei helfen wir uns gegenseitig, uns sozusagen selber zu helfen. 

Da die Geschöpfe um uns herum somit nur funktional sind, um unseren Fokus auf Allāh zu erleichtern oder zu ermöglichen, dürfen diese Geschöpfe logischerweise gewisse Sachen nicht in unserem Leben bewirken:

1. Sie dürfen uns nicht zu Sünden oder zu Fehlern führen.

Das ist ein Problem, was viele in der Freundschaft nicht beachten. Wenn man sich den zuvor erwähnten Fokus genau vor die Augen nimmt, wird man erkennen, dass Freunde und Begleiter nach diesem Prinzip ausgewählt werden müssen. Sie dürfen uns kein Hindernis sein und dürfen uns nicht negativ beeinflussen. Nur weil man auf dieselbe Schule ging heißt das nicht, dass man diese Person sein Leben lang nun als Freund behalten müsste. Alles ist abdingbar, sobald es beim Streben nach der Zufriedenheit Allāhs zu einem Problem und einem Hindernis wird.

2. Sie dürfen nicht grenzenlos geliebt werden.

Seien es Kinder, Ehefrau oder das Geld. All jenes hat seine Funktionalität und gehört zum Schmuck des diesseitigen Lebens. Nichts davon darf übermäßig geliebt werden. Denn die übermäßige Liebe führt zum Gehorsam. Jedoch ist uneingeschränkter Gehorsam nur Allāh gegenüber bestimmt. Wenn Dinge oder Personen zu sehr geliebt werden, wird man in der Lage sein, die Prinzipien, die man vor Allāh einhalten möchte, zu missachten.
Genauso wird so eine Liebe mit dem Prinzip der Vergänglichkeit im Widerspruch stehen; und auch mit der Tatsache, dass jede einzelne Person oder jeder einzelne Gegenstand am Jüngsten Tag keinen Stellenwert mehr für uns haben wird, wenn wir alleine vor Allāh stehen.
Daher sagten viele Gelehrte, dass in den Lebensbeispielen vieler Propheten diese Grenze erprobt wurde. So wurde Ādam, Friede auf ihm, mit dem Paradies geprüft und dem Gefühl, dort ewig sein zu können. Und Ibrāhīm, Friede auf ihm, wurde mit der Liebe zu seinem Sohn Ismāʿīl geprüft. Auch der Prophet Muḥammad, Allāhs Friede und Segen auf ihm, wurde mit der Liebe zu seiner Frau ʿĀʾiša und zu seinen Enkeln al-Ḥasan und al-Ḥusain geprüft.

Die Beachtung der Bindung an die Geschöpfe ist etwas sehr fundamental wichtiges und darf bei keiner Angelegenheit im Leben vergessen werden. Wir müssen stets darauf achten, dass wir die Geschöpfe nach den grundlegenden Prinzipien bewerten und uns auch nur nach diesen Prinzipien ihnen gegenüber positionieren. Nichts darf überbewertet werden und der Fokus auf unsern Herrn darf niemals außer Acht gelassen werden. Denn wenn der Fokus erst einmal weg ist, wird man viele Folgefehler begehen und eine Abhängigkeit zu den Geschöpfen entwickeln. Diese Abhängigkeit kann sich im schlimmsten Fall ausweiten und somit unsere Beziehung zu Allāh dem Erhabenen komplett zerstören und uns zu Knechten der Geschöpfe machen, indem wir diesen Geschöpfen aufgrund der Abhängigkeit hinterherlaufen. Jedoch wird uns nichts davon gewährt werden, denn Allāh ist derjenige, der gewährt und verwehrt. Wenn Er sieht, dass wir uns Seinen Geschöpfen unterworfen haben, dann wird Er die Lage verschlimmern. So wird sich die Abhängigkeit immer weiter ausdehnen und es wird ein endloser Teufelskreis werden. Aus so einem Zustand herauszukommen würde nur noch dann gelingen, wenn wir zu Allāh zurückkehren und die Prinzipien wieder aufnehmen würden.

Möge Allāh uns vor so einem Zustand der Abhängigkeit bewahren. Āmīn.

"Er ist der Erste und der Letzte, der Offenbare und der Verborgene, und Er ist der Kenner aller Dinge." (Sūrah al-Ḥadīd - Vers 3)

Mittwoch, 25. Oktober 2017

Emotionale Misshandlung und Abhängigkeit in (muslimischen) Ehen

In den letzten Jahren bin ich immer wieder Fällen von emotionaler Misshandlung in muslimischen Ehen begegnet. In dem folgenden Artikel möchte ich über dieses leider viel zu häufig vorkommende Phänomen reden und erläutern, was emotionale Misshandlung überhaupt ist, wie es zustande kommt und welche signifikanten Probleme es beinhaltet.

Die folgende Untersuchung baut auf eine eigene Statistik auf und bedient sich daher an keiner Studie, sondern beruht auf die Fälle, mit denen ich in der Vergangenheit gearbeitet habe.

Die emotionale Misshandlung in einer Beziehung baut auf der Tatsache auf, dass zwischen zwei Personen eine einseitige intensive emotionale Bindung besteht. Für die Vereinfachung nutze ich die Ehe, jedoch sind davon auch nichteheliche Beziehungen betroffen, insbesondere bei dem Phänomen von Liebesbeziehungen von jungen Muslimen auf sozialen Netzwerken.

Emotionale Misshandlung ist ein Zustand von gestörtem Gleichgewicht in einer Beziehung, bei der ein Partner durch (dauerhafte) emotionale Einwirkung auf den anderen Partner eine Art emotionalen Käfig um seinen Partner aufbaut und ihm unter dem Druck emotionaler Last gefügig macht oder das Selbstbewusstsein oder die Willenskraft des Partners bricht. So wird die objektive Wahrnehmung des emotional misshandelten Partners auf die subjektive Ebene des misshandelnden Partners reduziert.

Die emotionale Misshandlung baut auf gewissen Bindemitteln und Voraussetzungen auf, welche eine Person mit einer anderen Person verbinden. Um welche Bindemittel es sich handelt und wie daraus ein Problem entsteht, soll im folgenden Teil erläutert werden:

• Vertrauen/Schuldzuweisung: In einer Beziehung entsteht ein Vertrauen, bei der man seinem Partner seine Schwächen und empfindlichen Seiten deutlich macht. Dadurch, dass der eine Partner genau weiß, welche Schwächen und empfindliche Seiten der andere Partner hat, kann er, gewollt oder ungewollt, genau diese Schwächen angreifen, wenn es zum Beispiel Streit in der Beziehung gibt. Wenn der angegriffene Partner nicht genau erfassen kann, inwiefern Vorwürfe stimmen oder nicht stimmen, kann es dazu kommen, dass er tatsächlich an die Möglichkeit denkt, dass die Schuld auf seiner Seite läge.
Wenn sich diese Methode bewährt und der misshandelnde Partner sieht, dass er mit dieser Vorgehensweise immer als Gewinner aus einem Streit hervorgeht, kann er daraus ein Gewohnheitsmuster entwickeln und Schuldzuweisungen nutzen, die auf diese Schwächen anspielen, um ein Schuldgefühl beim Partner zu erzeugen, damit dieser sich entschuldigt.

Diese Misshandlung wenden Menschen an, die in ihrem Wesen tendenziell rechthaberisch, streitsüchtig oder einsichtslos sind. Diese Eigenschaften fußen oft auf einem sehr stolzen oder übermütigen Charakter, der ungern Fehler bei sich entdecken möchte oder dazu gar nicht in der Lage ist und eher jede Schuld auf andere verlagert (Selbstwertdienliche Verzerrung) oder nicht ertragen kann, zu verlieren (Versagensangst). 

• Hormonelle/Emotionale Verbundenheit: Wenn ein Partner die Nähe des anderen Partners aufgefasst hat und schlecht davon abkommen kann, Nähe und Zuneigung des anderen zu bekommen, kann die weniger verbundene Person im Falle von emotionaler Entfernung wahrnehmen, wie der Partner bemüht ist, diese Entfernung wieder aufzuheben, um jede Gefahr einer Trennung zu beseitigen (Trennungsangst). Es besteht somit das Verlangen, emotionale Spannungen und Entfernungen mit allen Mitteln zu beseitigen (Harmoniesucht). Wenn der weniger verbundene Partner nun erkennt, dass der andere Partner im Falle drohender Disharmonie immer dazu neigt, sich zu beugen oder den Wünschen des Partners nachzugehen, kann auch hier ein Gewohnheitsmuster entstehen, bei der dieser Drang, emotionales Gleichgewicht mit allen Mitteln wieder herzustellen, ausgenutzt werden kann, um seine eigenen Wünsche durchzusetzen.

Diese Misshandlung begehen Menschen, bei denen eine Mischung von Opportunismus und Gewissenlosigkeit zu finden ist. Sie möchten ihrem Vorteil gemäß leben und sind dazu bereit, andere auch auszunutzen. Sie haben kein schlechtes Gewissen, wenn alles so klappt, wie sie es sich persönlich wünschen würden, auch wenn sie dabei die Verhaltensweisen des Partners missbrauchen. 

• Hoffnung: Hoffnung ist ein Bindemittel, welches immer dann zum Einsatz kommt, wenn eine Beziehung schon stark in die Brüche gegangen ist oder dabei ist, in die Brüche zu gehen. Hierbei merkt ein Partner, dass er bei Problemen oder Unzufriedenheit innerhalb der Ehe dem anderen Partner einige Versprechen machen muss, dass ein Zustand besser wird, um seinen Partner zu beruhigen. Am Anfang sind es oft ernste Versprechen, aber mit der sich zeigenden Wirksamkeit, dass man nur solche Aussichten projizieren muss, um die Erwartungshaltung des Partners zu besänftigen, wird auch hier ein Gewohnheitsmuster entwickelt, bei dem sich ein Partner immer häufiger daran bedient, wenn er merkt, dass der andere Partner mit der Beziehung unzufrieden ist und gewisse Dinge verlangt oder einen Mangel anmerkt. 

Dieses Verhalten zeigt sich bei Menschen, die Dinge krankhaft aufschieben (Prokrastination)  oder an Antriebsstörungen leiden und somit nie oder schwer in die Gänge kommen können.

Das Resultat solcher Misshandlungen ist oft, dass durch zunehmender Häufigkeit ein Kontrollverlust über die eigene Person entsteht und man als misshandelte Person irgendwann unter die Kontrolle des Partners fällt. Es ensteht eine Willensschwäche, bei der man bemerkt, dass etwas nicht stimmt aber nichts dagegen unternehmen kann, weil man unter dem Einfluss des Partners schwer zu eigenen Entscheidungen kommen kann. Dies führt zur Abhängigkeit, bei der man eine kognitive Dissonanz erlebt. Das heißt, dass man unterschiedliche widersprüchliche und Gefühle und Spannungen in sich hat; aufgrund der Willensschwäche aber auch nichts dagegen unternehmen kann. Solche Personen sind dann oft unzufrieden, wenn sie mit ihrem Partner zusammen sind und möchten von diesem Zustand freikommen und wenn sie von ihrem Partner entfernt sind, empfinden sie wieder Unzufriedenheit und möchten diesen Zustand beseitigen. Egal was man macht, das Problem ist nicht wirklich zu beseitigen.

Man kann nicht jede Beziehung einfach nach solchen Kriterien bewerten und sagen, dass man emotionaler Misshandlung ausgesetzt ist. Daher gibt es auch keine einheitliche Lösung. Die Fälle müssen individuell untersucht und behandelt werden. 

Denn die bisherige Beschreibung ist eine allgemeine Beschreibung. Für uns Muslime gilt nämlich noch die wichtige Ebene der Belehrung. Denn muslimische Partner müssen jeweils für sich an ihrem Gewissen arbeiten. Denn jeder Muslim sollte sich im Normalfall über seine Beziehung zu seinem Herrn bewusst sein und daher auch ein Pflichtbewusstsein ggü. Seiner Erhabenheit empfinden. Ein pflichtbewusster Muslim mit einem gesunden Gewissen ggü. dem Herrn der Welten begeht solche Misshandlungen nicht. Oft sind solche Misshandlungen daher unterbewusst und die psychischen Probleme sind noch gar nicht als Probleme erfasst worden. Daher bedient man sich bei solchen Problemen an psychologischen Therapien, bei denen kranken Personen ihre Krankheit erst bewusst gemacht werden muss. Denn die Disposition, seinen Partner als religiöser Mensch misshandeln zu können hängt mit vielen Störungen zusammen, die gar nicht als Störungen wahrgenommen werden wollen (Bias blind spot). 

Daher muss man zuerst eine Problemanalyse machen. Es gibt Menschen, die ihre Partner bewusst misshandeln und hierbei liegt die Lösung dann in der aktiven Belehrung und Erziehung/Zurechtweisung dieser Personen. Wenn die misshandelnde Personen starke Tendenzen zur Einsichtslosigkeit und Selbstüberschätzung hat, bedarf es oft psychologischer Betreuung, bei der zur Einsicht begleitet werden muss.

Das Problem ist, dass Muslime diese Form von psychologischer Behandlung oft ablehnen. Entweder aufgrund der Tatsache, dass sie im Vorhinein gar kein zu behandelndes Problem einsehen möchten, aber auch aus anderen Gründen wie falscher Stolz oder Ablehnung nichtmuslimischer Problembehandlungen. Dann hört man solche realitätsfernen Aussagen wie "Ein Nichtmuslim kann einem Muslim, der an Allāh und den Jüngsten Tag glaubt, nicht psychologisch behandeln. Ich habe meinen Glauben." oder anderen Unsinn wie "Ich lese einfach den Qurʾān und mache Ruqyā, um mich zu behandeln." Nicht dass ich Ruqyā als Methode anzweifeln würde. Aber ein pflichtbewusster Muslim, der seine Religion wirklich mit Gewissheit und Gradlinigkeit praktiziert, würde gar nicht an erster Stelle in das Bild einer Person fallen, die psychologische Behandlungen benötigen würde und müsste somit auch gar kein Problem mit Ruqyā behandeln.

Oft werden auch falsche Problemanalysen getätigt, indem man sich falschen Vorstellungen unterwirft, die hier und dort unter Muslimen die Runde machen, wie die Tatsache, dass man verzaubert wäre oder jemand ein böses Auge gemacht hätte. Dies passt nochmal in das Bild der selbstwertdienlichen Verzerrung, bei dem man ein Problem tendenziell nach außen verlagert, statt sich selbst unter die Lupe zu nehmen.

Was diejenigen angeht, die misshandelt werden, ist immer dringend zu raten, die kognitive Dissonanz zu erkennen und Problemlösungen anzustreben. Wenn man dies über sich einfach ergehen lässt, wird es im Laufe der Zeit immer schlimmer, bis man irgendwann so handlungsunfähig wird, dass man gar nicht mehr aus dieser Zwickmühle herauskommen kann.

Ich bitte Allāh darum, dass er die Menschen zur Einsicht begleitet und jedem dabei hilft, jeden Tag an seiner Persönlichkeit etwas zu verbessern. Āmīn.

Freitag, 8. September 2017

Taqī ad-Dīn ʾAḥmad ibn Taymiyya al-Ḥarrānī

Einer der gewaltigsten Gelehrten, dessen Texte und Aussagen auf vielerlei Art und Weisen missbraucht wurden, ist Taqī ad-Dīn ʾAḥmad ibn Taymiyya al-Ḥarrānī, möge Allāh sich seiner erbarmen. Auf ihn trifft ein Problem, welches vielen Gelehrten widerfahren ist, die sehr viel geschrieben haben. Ibn Taymiyya schrieb nach Aussagen seines Schülers Ibn Qayyim al-Jawziyya 350, und laut seinem anderen Schüler Šams ad-Dīn aḏ-Ḏahabī um die 500 und laut modernen orientalistischen Forschungen um die 750 Werke, von denen viele verloren gegangen sind. Wenn ein Gelehrter viele Werke schreibt, kommen gewisse Probleme zustande: 1. Sie entstehen in verschiedenen Lebensabschnitten. a. Es ist daher nicht immer klar, ob eine Haltung oder eine Meinung durchgehend beibehalten wurde. b. Das Alter bestimmt das Temperament. So sind Formulierungen in der Jugend oft schärfer, während im Alter die Weisheit durch Lebenserfahrung mehr in den Texten vordringt. 2. Es gibt viele Kontexte, in denen etwas gesagt wird. Nicht jede Passage ist somit wortwörtlich extrahierbar. Durch diese Vielheit finden sich daher viele unterschiedliche Rezeptionen (Interpretationen) und jeder, der nach Ibn Taymiyyas Ableben mit seinen Büchern in Kontakt kommt, liest nicht 100% von dem, was er geschrieben hat, zumal vieles gar nicht mehr zugänglich ist. Deswegen macht jeder seinen eigenen Salat aus dem, was er vorfindet. So haben sich sehr viele Bewegungen, Strömungen, Sekten, Ideologien, Schulen uvm. an seinen Werken bedient und eigene Lehre entwickelt, welche durch Ibn Taymiyyas wissenschaftlichem Geist inspiriert wurden. Leider wird jede abgeleitete Idee auf ihn zurückgeführt und so sehen wir in heutiger Zeit, dass ihm alles mögliche vorgeworfen wird. Ich möchte nicht sagen, dass Ibn Taymiyya nur dann zu verstehen ist, wenn man alle seine Werke gelesen hat. Nein; vielmehr ist Ibn Taymiyya ein Mensch, der sehr verständlich schrieb und seine Haltung auch einfach zu begreifen ist. Das Problem ist aber der Bestätigungsfehler, der im früheren Beitrag besprochen wurde. Die Leute entnehmen den Texten Ibn Taymiyyas das, was ihrer bisherigen Grundhaltung dienlich scheint und sie ernähren ihre Neigungen oder Konzepte durch die Aussagen und Argumentationen Ibn Taymiyyas. So wird und wurde Ibn Taymiyya wie eine Spielkarte verwendet gegen jede andere Idee, der man etwas entgegnen will/wollte. Man bedient/e sich an den passenden Stellen und spielt/e Ibn Taymiyya gegen jeden und alles aus, was man persönlich bekämpfen bzw. widerlegen will/wollte. Doch das ist ein ganz klarer Missbrauch. Eine Beleidigung eines solch scharfen Geistes und Wissenschaftlers. Wer Ibn Taymiyya ganz nüchern liest, auf der Suche nach Weisheit und Gradlinigkeit, der wird erkennen, dass Ibn Taymiyya eigentlich nur zwei Dingen widersprochen hat: 1. Glaubensinhalten, die entweder eindeutig oder interpretativ (auf Iǧtihād basierend) falsch sind. 2. Unauthentizität: viele seiner Kritiken richten sich gegen Werke, in denen er die Authentizität der Überlieferungen kritisiert hat, welche in diesen Werken vorkamen. Es ging ihm also nie um Personen oder Gruppen oder dergleichen. Sondern vielmehr ging es ihm darum, das Falsche zu widerlegen, was Personen oder Gruppen gedacht oder geglaubt haben. So finden wir Stellen, an denen er Aussagen von Personen kritisiert, die einer Gruppe angehören und auf der anderen Seite Personen lobt, die ebenfalls dieser Gruppe angehören. Er richtet sich demgemäß gar nicht gegen eine Gruppe, sondern gegen Aussagen und Inhalte. Und das Besondere hierbei ist, dass er beim Lob die ganze Person lobt. Wenn er kritisiert, dann nur die Aussagen und Inhalte, die von einer Person kommen, ohne die Person als Person zu kritisieren. Leider finden wir heute noch viele junge Leute, die Ibn Taymiyya als Spielkarte benutzen. Sie nutzen seine Aussagen, um 1. die Personen oder Gruppen zu schmähen, deren Glaubensinhalte Ibn Taymiyya eigentlich nur kritisiert hat und pauschalisieren dann diese Kritik auf alle Personen, die nur annähernd mit dieser Gruppe oder Person in Berührung gekommen sind. 2. die Autoren zu schmähen, deren Werke Ibn Taymiyya bemängelt hat, weil sie teilweise unauthentische Aussagen beinhalten. Es ist also ersichtlich, dass wissenschaftlich und argumentativ differenzierte Vorgehensweisen Ibn Taymiyyas willkürlich benutzt/missbraucht werden, um die eigenen Gelüste und Neigungen zu stillen. Und wenn man damit negativen Gegenwind erfährt, dann tut man Ibn Taymiyya auch noch dieses Unrecht, indem man ihn bei denjenigen schmäht, gegen die man ihn eingesetzt hat. Wir bitten Allāh darum, dass Er der Jugend ein wenig mehr Respekt vor dem Wissen gibt und bitten Ihn, dem Erhabenen und Absoluten darum, Ibn Taymiyya und alle anderen Gelehrten davor zu schützen, durch die Einfältigkeit der ignoranten und sturköpfigen Menschen missbraucht und geschmäht zu werden. Möge Allāh die Gelehrten und all diejenigen, die das Wissen respektieren und weiter tragen, mit Seiner Gnade, Barmherzigkeit, Vergebung und dem Paradies belohnen. Āmīn.

Das Problem bei den Meinungsverschiedenheiten im Fiqh

Kamāl ad-Dīn al-Udfuwī¹ (gest. 747 n.H.): „Bei den umstrittenen Rechtsfragen (masāʾil al-ḫilāf), zu denen kein spezifischer und definitiver ...